96 Die deutschen Geißlerlieder.
Quelle von IV zu ziehen, zumal auch I einzelne Sonderzügeaufweist: die 2. plur. auf nt nur hier, weil den andern Textendie Form mangelt.
Gewichtiger scheint der Unterschied, daß IV i3mal farbigeEndsilbenvokale bringt, I nur einmal, allenfalls zweimal (haissun2, envastät [: enrastet] 89). In IV erscheint namentlich a:vorschat 17, bgundan zhandan 92 u. a., aber auch mümun 43,liebun 98, mirrun 99, zwischont 65, wurdi 84, kbmin 93; einegrößere Zahl gleicher Fälle in I dagegen zeigt das farblose e.Auch die fühlbar stärkere Anwendung von ain gegenüberan in I (4 : 6 gegen 3 : 13 in IV) deutet auf eine orthographischstrengere Hand in der Liturgie, die doch eben am leichtestenzu verstehen wäre, wenn man mit verschiedenen Konzeptenfür I und IV rechnen dürfte.
Dagegen gehört der augenfälligste Unterschied von I undIV, der den orthographischen Abstand am klarsten zu be-leuchten scheint, nur bedingt hierher. IV wimmelt von pro-klitischen Verkürzungen von Vorsilben wie gsant 3, gfelst 8,ztünd 32, dwelt 86 (über 2omal). III zeigt das entsprechendeBild. I dagegen hat, wenn man dhaine 31 ausnimmt, nichtsVergleichbares. Aber was sich hier enthüllt, sind nicht Unter-schiede der Schreibweise, sondern der sprachlichen Form derbeiden Texte. An sich bemüht sich Hugo im einen Falle wie imandern, den Versen auch äußerlich das Silbenmaß des Wechsel-tons zu geben (s. S. 128, 206); das ist in der Liturgie ohneSchwierigkeit möglich, eben weil ihre Zeilen in Fragen derFüllung und Wortbehandlung einen älteren Versstil aufweisen.In IV dagegen führt es zu gepreßten Wort- und Formbildern;denn hier sprengt der episch reichere Inhalt den Rahmen desstreng gebauten Viertakters älterer Art. Über Lied II, dasvollkommen aus dem Rahmen fällt, weil Hugo hier auf denWechselton keinen Wert legt und infolgedessen auch nicht zuWortverkürzungen zu greifen braucht, s. u. S. 182.
Wir wenden uns von der sprachlichen Würdigung dergesamten Liedüberlieferung bei Hugo zu dem Hauptstück,der Liturgie (Lied I), und fragen, ob aus seinen Reimen Schlüsseauf die Herkunft des Textes zu ziehen sind. Wie zu erwarten,geben die Reime nicht genug her, um das Lied mit Sicherheit einerbestimmten Mundart zuzuweisen. Für ein Volkslied reimt derText ungewöhnlich sauber; nur eine Assonanz: pflegen:geben 6;