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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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90 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

Form immer und immer wieder behandelt worden ist (s. Schnee-gans S. 84), ein Thema natürlich, das mit den Disciplinatenan sich gar nichts zu tun hat, sondern von ihnen dem Lieder-schatz der älteren Laudesi entlehnt worden ist. Nun enthaltendiese Lauden freilich im allgemeinen nur das Gespräch Mariasmit dem Engel, ziehen auch wohl noch den Besuch bei Elisabethhinein, decken also nur etwa das erste Drittel vom Stoff desdeutschen Liedes. Aber andere Lauden übernehmen die Fort-setzung ; wir besitzen welche, die die Hirtengeschichte oder dieMagiergeschichte mit breiter Ausführlichkeit behandeln. Zu-mindest also eine Parallele zu dem Leben-Jesulied derdeutschen Geißler. Übrigens wird auch von den niederländi-schen Geißlern berichtet, daß sie cangons . . dela nativite sangen(s. o. S. 74 f.). Das weist in dieselbe Richtung.

Es bliebe das Lied Hugos von Reutlingen Maria ntuoterreiniu meit, sofern man diese lose Aneinanderreihung vonBittrufen noch ein Lied nennen kann. Natürlich gibt es dazuGegenstücke im Italienischen, man vergleiche etwa

Madre, 0 vergene Maria, Erwirb uns huld umm dines kint,

Priegha per noi, o virgo pia, Dez rieh niemmer dhain end gewint,.

Che Gesune tolga via Daz er uns los von aller not

L'aspra morte e pisiilentia '). Und bhotte vor dem gaben tot!

Aber es ist nicht nötig, für solche Gemeinplätze des religiösenLiedes fremde Anregungen und Vorbilder zu bemühen.

Endlich wäre die Frage zu erörtern, wann die italienischenEinflüsse wirksam gewesen sind, die sich in den Geißlerliedernvon 1349 feststellen lassen, ob sie bis in die Anfänge der Geißler-bewegung zurückreichen oder jüngeren Datums sind. Die Ant-wort ist deshalb so schwer, weil mit zwei Unbekannten gerechnetwerden muß: Die italienischen Lieder der ältesten Geißlernicht minder als die deutschen bleiben schattenhaft. Immerhinreichen die Beweismittel wohl aus für die Feststellung, daß diebeiden Hauptinhalte der Liturgie von 1349, die Passion imersten und die Fürbitte Marias vor dem zornigen Christus imzweiten Teil, von Italien her auf deutschen Boden getragenworden sind. Welche deutsche Form sie damals gewonnenhaben, steht dahin; doch wird man damit rechnen dürfen,

') Aus einer Lauda aus Borgo S. Sepolcro bei Schneegans S. 69.