Die italienischen und die deutschen Geißlerlieder. gj
daß Elemente des Geißlerliedes von 1260/61 in diesen beidenTeilen der späteren Liturgie erhalten sind; wie ja auch derEinzugsleis der Geißler von 1349 wesentlich älteres Gut bewahrth at. Aber ganz offen bleibt die Frage, in welchen Kombina-tionen diese vielleicht übernommenen Bestandteile in denLiedern von 1260/61 sich fanden. Sicherlich irrig wäre es,w enn man annehmen wollte, daß die Liturgie von 1349 ebensoschon 1260/61 gegolten hatte. Zumindest müßte man dieStrophe Maria stünt usw. absondern, die frühestens imspäteren 13. Jahrhundert entstanden sein kann (s. o. S. 80 f.).Aber auch allgemeine Gesetze des Volksliedlebens sprechendagegen, daß religiöse Volkslieder aus der Mitte des 13. Jahr-hunderts drei Generationen später ganz unverändert wiederaufgestanden sein sollten. Das würde auch voraussetzen, daßdas Zeremoniell der Geißler von 1349 genau dasselbe war wieim Jahre 1260/61. Nach den historischen Nachrichten brauchtdas nicht der Fall gewesen zu sein: die Bindung an den Ortder Kirche war 1260/61 dem Anschein nach enger als 1349 J );u nd die freilich sehr skizzenhafte Schilderung bei Ottokarv on Steiermark gibt der Bußübung eine Form, die sich mitden großen Berichten von 1349 nicht ohne weiteres vereinigenMißt (Steir. Reimchron. 9427 ff.). Man beachte auch die An-gabe Hermanns von Altaich: quasdam cantilenas quas depassione ac morte Domini dietaverant (s. o. S. 66). Nachdieser Kennzeichnung würde man anderes von dem Gesangerwarten, als der erste Teil der Liturgie bietet.
So rechne ich denn damit, daß zu jener ersten Beeinflussung1Ir i Jahre 1260 sich erneuernde spätere hinzugekommen sind,^ie Wege, die solche Einwirkungen tragen konnten, sind leichtv orstellbar. Schon Förstemann hat vermutet, daß auch die^eißelbewegung von 1349 in Italien ihren Ausgang genommenn abe (a. a. O. S. 86), eine Vermutung, die manches für sichhat, wenn auch auffällig bliebe, daß die historischen Zeugnissedafür fehlen. Aber auch wenn in der Pestzeit nicht eine neueWelle unmittelbaren Einflusses über die Alpen nach Deutsch-land geschlagen ist, — die Disciplinatenbruderschaften warenlr n 14. Jh. ein so starker und öffentlich sichtbarer Faktor imLeben italienischer Gemeinden, daß ihre Art und Weise, auch
') Vgl. besonders Hermann von Altaich Mon. Germ. SS. 17, 402; Contin.Pr aed. Vind. SS. 9, 728.