Die italienischen und die deutschen Geißlerlieder. gg
^ein, in welcher Form der italienische Einfluß gewirkt hat:°b man nach italienischem Vorbild ad hoc gedichtete Strophender Liturgie einfügte, oder ob man aus vorhandenen deutschenLiedern die entsprechenden Stücke herauspflückte und volks-liedhaft zurechtbog. Nach den Gesetzen des Volksliedlebensspricht die größere Wahrscheinlichkeit für das letztere Vor-gehen.
Die paar Lieder, die uns sonst, namentlich bei Hugo^on Reutlingen als Geißlerlieder überliefert sind, zeigen wenigermnere Beziehungen zu den italienischen Lauden, und dasls t kaum anders zu erwarten. Denn in festem Zusammenhangßtit der Bußzeremonie stand nur die Liturgie; die anderenbesänge waren Fahrtlieder, die bei den einzelnen ScharenWechselten, wie durch das Zeugnis Closeners ausdrücklichbestätigt wird (s. S. 68). Allgemeinere Verbreitung hat freilichder Einzugsleis Nu ist diu betfart so here gehabt, der sich aberJn it Sphären überschneidet, die mit den Geißlern von Haus ausnichts zu tun haben (s. S. 179). Im übrigen wird es eine halbzufällige Zusammenstellung sein, die uns Hugo als Geißler-heder bietet. Auch die italienischen Disciplinaten verfügten]a über eine Fülle von Liedern; und wenn nicht im einzelnen,s o könnten sie immerhin im ganzen auf die deutschen Geißlergewirkt haben, insofern als sie die Stoffe und die AuswahlJ hrer Lieder beeinflußten. Und das scheint wenigstens in einem"unkt der Fall gewesen zu sein. Unter den Fahrtliedern, die"ugo mitteilt, fällt ein Stück auf, weil es auf den ersten Blickgar keine Beziehung zu den Geißlern zu haben scheint; es istdas lange Lied, das Maria Verkündigung und Christi Kind-heitsgeschichte enthält. Es wird später zu zeigen sein, daß esSl ch hier um ein Lied handelt, das die Geißler dem Schatzeheimischer Bittfahrtlieder entnommen haben (s. S. 199ff.). Aberuian darf daran erinnern, daß in den italienischen Lauden,nrögen sie aus dem Kreise von Disciplinaten oder anderen-Bruderschaften stammen, Maria Verkündigung eins der alier-beliebtesten Themata ist, das namentlich auch in dramatisierter
Sa gt in seiner bekannten Abhandlung über die Marienklagen (Graz 1874) keinw °rt davon. Und doch ist mir unzweifelhaft, daß hier engere Zusammenhänge
estehen. Sie sind umso bedeutsamer, als das literarische Motiv der Marien-*" a ge ja sein Widerspiel in anderen Künsten findet. Aber die Aussichten, die
lc h hier eröffnen, bedürfen einer besonderen Untersuchung.