88 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
tent magis ad lacrimas attendentes quam ad verba (Giorn. di filol.rom. 3, 96). Daß die Bußzeremonie der deutschen Geißler die-selbe Wirkung auslöste, ist uns mehrfach bezeugt. Und wie dieTränen ein ganz fester Bestandteil gerade der hier herange-zogenen Laudenszene sind, so ist auch die Schelte der Herzens-härtigkeit, mit der die deutschen Verse sie verbinden, ein typi-scher Zug; sowohl im Munde Christi wie Mariens begegnet derVorwurf des cuor duro immer wieder (vgl. o. S. 63).
Danach gehören also die Verse 102—105 der Liturgie vonHaus aus in den Mund Mariens, und der ganz unvermittelteHinweis auf das Erdbeben will zunächst nur besagen: wennsogar die Erde bei Christi Leiden in Bewegung gerät, um wievielmehr müßtet ihr harten Sünder euch erweichen lassen. Manbeachte übrigens auch das Präsens, das seinen Sinn nur hat, wenndie unter dem Kreuze stehende Maria die Worte spricht. Esist hier also ein Stück aus einer Marienklage in die Liturgiehineingearbeitet, nicht anders als am Eingang des zweiten Teiles,wo die Stabat-mater-Strophe Maria stünt usw. sich ja auch aufden ersten Blick als ein unorganisches Stück im Zusammen-hang dieses Teiles enthüllt. Jene Strophe verdankt so gutwie sicher italienischen Einwirkungen ihre Stelle in der Geißler-liturgie; alles spricht dafür, daß es bei dem in Rede stehendenStück nicht anders ist. Die Verse bilden sonach ein paßrechtesSchlußstück der Liturgie: Wenn der Eingangsteil auf demGedanken stand, daß Christi Passion von dem Sünder dasgleiche blutige Opfer verlangt, so lenkt der Schluß zudiesem Gedanken zurück, indem er auf andere Art, nämlichim Schema der Marienklage, genau dasselbe sagt. Aberselbstverständlich sollen diese Verse nun nicht mehr als WorteMariens gelten; sondern die Liturgie macht zu ihren Sprechern,die eigentlich ihre Adressaten sind.
So schimmert denn hinter dem, was den eigentlichen In-halt der Liturgie hergegeben hat, der Geißlerpredigt, ein anderesVorbild erkennbar durch; und dies Vorbild sind Lieder, diedas Kreuz Christi und Marias Klagen um den Gekreuzigtenzum Gegenstande haben. Das aber sind die Themata, die inder Laudendichtung der italienischen Disciplinati ganz be-herrschend im Mittelpunkte stehen J ). Strittig kann höchstens
') An dieser Stelle drängt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischenden deutschen Marienklagen und den italienischen Lauden auf. Schönbach