gß Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
das Motiv als solches war durch die Himmelsbriefe auch damalsschon gegeben. War vielleicht das Entsetzen über gegenwärtigeStrafgerichte Gottes und die daran geknüpften Erwartungennötig, um diesen Stoff Gestalt gewinnen zu lassen? Aus demPestjahre 1349 besitzen wir jedenfalls eine Laude aus BorgoS. Sepolc.ro, die uns Christus als den Verderben drohenden vor-führt, ganz wie die deutsche Dichtung, aber Maria nicht imGespräch mit ihm, sondern mit den hilfeheischenden Sündern(abgedruckt von Schneegans S. 696".).
So ist es also bei diesem Stück um italienische Parallelen,die Anregung hätten geben können, dürftig bestellt; und ganzfehlen sie für den dritten Teil, den Sündenkatalog. Dagegenhelfen die italienischen Lieder zum Verständnis des dunkelstenStückes der Liturgie, das sind die in ihrem Zusammenhangeinfach undeutbaren Verse 113 f.
Du erd erbidemt, zercliebent die staine.
Ir hertu herz, ir sttlent wainenlund das was auf sie folgt. Der erste Vers ist eine stehende Zeile,mehrfach aus deutscher Dichtung nachweisbar (s. u. S. 121), dieimmer auftritt, wo von den elementarischen Wundern die Redeist, die den Tod Christi begleiteten. Was soll sie in diesem Zusam-menhange ? Die Lauden geben Aufklärung. Mit den verbreitet-sten Typus unter ihnen bilden nämlich Marienklagen, die unsdie Mutter Gottes unter dem Kreuze zeigen, oft im Zwiegesprächmit ihrem leidenden Sohn. Die Beziehung auf die Geißler ge-winnen diese Klagelieder, indem Maria die Geißler anredet;sie fordert sie zur Mitklage auf, wenn etwa eine Lauda ausGubbio beginnt:
Venete a pianger com Maria,
Voie filglioli discifilinati ')!Oder sie schilt die Sünder, daß Christi Leiden sie nicht erweicht,das doch Himmel und Erde zum Mitleiden bringt. Eine alte Lau-da aus Cadore läßt sie ausrufen:
Che non flance voy, cente dura?
Plancea lo sol, -plancea la luna,
E lo celo se n'ascura
E la tera sta en tremore 2 ).
*) Veröffentlicht im Archivio storico per le Marche e per l'Umbria hsg-von Pulignani, Mazzatinti, Santo Bd. i (Foligno 1884), S. 12.2 ) Antiche laudi cadorine S. 12.