84 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
eine Vergegenwärtigung von Christi Leiden ihren festen Platzam Eingang des Bußrituells hatte. Die Schilderung der PassionChristi, die besonders seine Mißhandlungen ausmalt, mündethier, wie es der Situation entspricht, in eine Aufforderung zuDank und Vergeltung von Seiten der Sünder, — nur daß dasDramatisch-Gegenständliche des deutschen Liedes mit seinemleidenschaftlichen Blut um Blut stark verblaßt erscheint. Essind also im Italienischen durchaus die Haltepunkte da, an diesich die Tatsache anknüpfen ließe, daß eine Passionsszene daserste Stück der Liturgie füllt; aber es fehlt, soviel ich sehe,eine bestimmte Lauda, die als Vorbild für dieses Stück in An-spruch genommen werden könnte. Wohl haben wir Zwie-gespräche zwischen dem leidenden Christus am Kreuz und denSündern; man vergleiche vor allem jene alte Lauda aus Gubbio(s. o. S. 62 f.), die nur eben innerlich und äußerlich eine andereHöhenlage hat. Und eine Laude aus Pesaro enthält eine Strophe ,die nach Inhalt und Form der entsprechenden aus der Liturgierecht nahe kommt; man vergleiche:
Che aspetti, peccator, che non te muovi,
Perche se sempre al tuo signor ingrato?
Guar da la croce, li spini, li chiovi,
Guarda al mio corpo tutto lacerato!
Che aspetti, che al ben far non ti rinnovi,
Poi che col sangue tho mondo et lavato,
Con le fernte inie tho fatto sanoP
Fal che mio sangue non sia sparso in vano ')!
und: Sünder, wa mit wilt du mir Ionen?Dri nagel und an dürnin cronen,Daz crütze fron, an sper, ainn stich,Sunder, daz laid ich als durch dich.Waz wilt du nu liden durh mich?
Aber diese italienische Laude geht inhaltlich andere Wege:Jesus sucht voll Erbarmen den zaghaften Sünder an sich zuziehen. Immerhin wird die dialogische Form, auf die nicht nur
religiosi, letterari e morali ser. IV Bd. 12, 217 s. 13. 430 ff. 14, 257 ff. 16,89 ff.; 405 ff. Die Passion steht Bd. 13, 430 ff.
') Tre laudi sacre pesaresi hsg. von G. S. Scipioni im Giorn. stör, dellalett. ital. 6 (1885), 218.