82 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
gelten zu lassen. Gerade dieser Unterschied ist ungemein be-zeichnend. Gewiß, eine reine Übersetzung müßte anders aus-sehen. Wir besitzen ihrer ja schon aus dem späteren 14. Jahrhun-dert mehrere (Wackernagel Kirchenl. 2, S. 459 ff.). Es ist ganzlehrreich, eine von ihnen mit den Geißlerversen zu vergleichen:
Maria siuend in swindem smerczen Maria stünt in grossen notten,
fey dem kreucz und waint von herczen, Do si ir liebes hint sach t&tten.
da ir werder sun an Meng. An swert ir durch die sele snait.
Ir geadelte czarte sele Sunder, daz las dir wesen lait!
ser betruebt in jamers quele Dez hilf uns, Maria hunigin,
scharf ein sneyduncz swert durchgieng. Daz wir dins kindes huld gewin!
Was sich hier offenbart, ist eben ein Wesensunterschied vonKunstlied und Volkslied. Diese Schrumpfung, der das Kunst-lied unterliegt, wenn es zum Volkslied wird, diese verkürzendeUmmodelung, die die Kunstliedstrophe inhaltlich und stilistischauf die einfachsten Linien bringt, ist eine Tatsache, die sicham modernen Volkslied hundertfach beobachten läßt.
Überhaupt ist es die Geißlerliturgie, die am meistenBeziehungen zu den italienischen Liedern aufweist, wenn auchso konkrete stoffliche Zusammenhänge wie in diesem Fall sonstnicht nachzuweisen sind. Man muß sich natürlich bewußt halten,daß bei der verwandten inneren und äußeren Lage, in der sichdie italienischen Disciplinaten und die deutschen Geißler be-fanden, sich auch innerhalb ihrer Lieder Ähnlichkeiten vonselbst einstellen konnten, ohne daß sie auf unmittelbaren Ab-hängigkeiten beruhen müßten. Trotzdem lohnt der Vergleich,und zwar auch deshalb, weil das Unterscheidende im Ähnlichenauf den Wesensunterschied der deutschen und italienischenGeißlerlieder gelegentlich recht helle Lichter wirft.
Gleich die Eingangsstrophe der Liturgie, der Bußruf, hatin den Lauden ihre Gegenstücke, nur daß die deutsche Strophe(hier in der Fassung C geboten) sich inhaltlich viel volks-mäßiger und handfester gibt. Man vergleiche mit ihr fol-gende Eingangsstrophe einer Laude der Disciplinaten ausGubbio J ):
Torniamo a-ppenetenza, Nu tretent her zu, die büßen wellen!
Che el tempo e 'mcomenzato , Fliehen wir die heißen hellen!
Con degiunio e astinenza, Lucifer ist ein böse geselle.
') Veröffentlicht von Mazzatinti im Propugnatore a.a.O. S. 159.