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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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80 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

Hugo von Reutlingen mitgeteilten Lied (das schwerlich einGeißlerlied, aber ganz gewiß ein Kunstlied ist, s. u. S. 212) undmit Stücken des wallonischen Liedes, das eben auch kein Volks-lied ist.

Das ist der Punkt, auf den es ankommt: die deutschenGeißlerlieder und die breite Masse der italienischen Disciplinaten-gesänge gehören verschiedenen Schichten poetischer Produktionan. Denn die deutschen Lieder sind wirklich Volkslieder imstrengsten Sinne des Wortes. Die Möglichkeit der Beeinflussungblieb natürlich trotzdem bestehen; denn wie heute ging auchim Mittelalter das Volkslied bei der höheren Dichtung zu Lehen.Nur darf man nicht erwarten, daß ein deutsches Geißlerlied alsganzes die Wesenszüge einer italienischen Lauda aufwiese. Es istdeshalb gar nicht so seltsam, wenn Schneegans feststellt, daßsich unter den italienischen Geißlerliedern keine finden, die imWortlaut mit denen Hugos von Reutlingen irgendwie überein-stimmten (S. 64), obgleich dies 'irgendwie' schon ein wenig zuviel sagt. Aber das trifft zu, daß sich bisher keine Lauda hatfeststellen lassen, aus der ein deutsches Geißlerlied oder einlängeres Stück aus ihm übersetzt wäre; auch ich habe keinegefunden. Trotzdem sind ganz greifbare Zusammenhänge da.Die Untersuchung, die wir damit anheben, hat einen festenAusgangspunkt in den Anfangsversen des Mittelstückes derLiturgie:

Maria stünt in grossen nbiten,

Do si ir liebes kint sach tötten.

An swert ir durch die sele snait.Schon Zacher (Ersch-Gruber Realenzykl. I 56, S. 252 Anm.)hat die Vermutung geäußert, daß diese Verse unmittelbar derberühmten Sequenz 'Stabat mater' entstammen. Mir scheintdiese Ansicht die denkbar größte Wahrscheinlichkeit für sichzu haben. Es steht fest, daß das Stabat mater das bevorzugteBußlied der italienischen Bianchi gewesen ist (s. o. S. 65), dieim ausgehenden 14. Jahrhundert eine ähnliche Bewegung ent-fachten wie seinerzeit die Geißler und in jedem Belang alsihre Nachfahren anzusprechen sind (vgl. Förstemann S. noff-)-Nahm aber das Stabat mater unter den Gesängen der Bianchieine so bevorzugte Stelle ein, so ist der Schluß naheliegend,daß das Lied auch schon 50 Jahre oder noch länger zuvor inin den Kreisen der Disciplinati, an die die Bianchi irgendwie