Die italienischen und die deutschen Geißlerlieder. 79
"alt man sie aber neben die deutschen Geißlerleise, zumal die Li-turgie und den Einzugsleis, wie viel stärker ist selbst bei solchen^alienischen Stücken schon der Eindruck der geschlossenenSc höpfung, die einem einzelnen ihre Grundform verdankt. Und^enn man sich die Lauden des 14. Jahrhunderts ansieht, so wirdganz greifbar, wie sehr man innerhalb dieser 'poesia popolare'st ufen muß, wie die Entwicklung der Gattung zu literarischenWerken mit einem zu guten Teilen literarischen Leben führte.^an braucht sich nur die äußeren Umstände der späteren^isciplinatenbruderschaften zu vergegenwärtigen, um die lite-rarische Situation der Laudendichtung des 14. Jahrhunderts zuErstehen. Die Lauden waren vielfach an bestimmte Tage desKirchenjahres geknüpft; sie waren schriftlich niedergelegt inLaudarien, wie sie, nach erhaltenen Inventaren zu schließen,Zl emlich jede Bruderschaft besessen hat, oft in mehreren Ex-emplaren. Die Zeugnisse lassen mit aller Deutlichkeit erkennen,daß der Vortrag von Lauden, namentlich auch dramatisiertenSauden, ein ganz wesentliches Element im Aufgabenkreis derBruderschaften gebildet hat. Der Begriff des geistlichen Gesell-schaftsliedes verengt und erhöht sich noch um einen Grad: mansteht vor einer genossenschaftlichen Kunstpflege, die fast denbedanken an die literarischen Leistungen wachruft, die inDeutschland die späteren Meistersinger hervorbrachten. Auchui der Massenhaftigkeit ihrer Produktion erinnern die Disciplina-* e u an die Kreise der Meistersinger; denn mehr als 200 Lauden-uandschriften sind heute bekannt und schwerlich ist schon allesail s Licht gezogen.
Schneegans verwundert sich darüber, daß die deutschenNieder auf die Bußübung des Geißeins viel mehr Bezug nehmen
s d ie italienischen, unter denen es trotz ihrer großen Zahl nur^enige gibt, die vom Geißeln selbst sprechen (a. a. 0. S. 56).
as üegt einfach daran, daß die späteren Disciplinatenbruder-Sc haften nicht nur zeitlich von den leidenschaftlichen Anfän-ge u der Bewegung entfernt sind, sondern auch in ihrem Wesen^ eit von ihnen abstehen, das Geißeln oft nur noch gelegentlichals symbolische Zeremonie übten und im übrigen der Weiseanderer Confraternitäten nachfolgten. Schneegans betont ganzrichtig, daß die italienischen Lauden in ihrer ganzen HaltungSlc h nicht so sehr mit den deutschen Liedern der Geißler vomJahre i 34g vergleichen, als vielmehr mit dem lateinischen von