78 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
aber wir kennen sie für Italien nur aus dem Stadium der späterenfest geformten Disciplinatenbruderschaften, für Deutschland ausder Hauptepoche der genetisch älteren Entwicklungsstufe derherumziehenden Bruderschaften. Diese Sachlage birgt dieMöglichkeit, durch Vergleichungen Oualitäts- und Schichten-unterschiede festzustellen; sie birgt aber auch die Gefahr, daßDinge nebeneinandergerückt werden, die nicht den gleichenMaßstab vertragen.
Italienische Forscher nehmen das Geißlerlied ihres Landes,über die verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen derBewegung hinweg, gewöhnlich als eine große Einheit, und siehaben dafür die Bezeichnung 'poesia popolare'. Aber dieseBezeichnung ist nicht ganz ungefährlich, wenigstens wenn mansie nach den Regeln der modernen Volksliedforschung inter-pretieren wollte. Denn die Lieder der elementaren, flüssigenForm der anhebenden Geißlerbewegung mag man sich gern alsreligiöse Volkslieder im eigentlichsten Sinn denken, — die Liederder späteren inkorporierten Disciplinaten mußten etwas andereswerden. Vielleicht schon sozial gesehen; denn diese Disciplinaten-bruderschaften setzten sich offenbar aus den soliden Kreisendes städtischen Bürgertums zusammen, nicht anders als dieälteren Laiengesellschaften der Laudantes, die sie in vielemeinfach fortsetzten. Solche geschlossenen Kreise aber sindnicht mehr der Nährboden für Volkspoesie im besonderenSinne des Wortes, d. h. für eine Dichtung, deren eigentlichesWesen in ihrem unliterarischen Leben im Munde des Volkes be-ruht. Was solche Kreise schaffen, ist Dichtung anderer Schichtund anderen Wachstums, wenn sie auch von Laien kommtund sich in der 'lingua volgare' hält. Ihren ganzen Lebens-bedingungen nach ist es bestenfalls eine geistliche Gesellschafts-dichtung, auf die wir in diesen Kreisen zu rechnen haben.
Gewiß hängt die Laudendichtung mit echter Volkspoesie zu-sammen ; die Übernahme der strophischen Maße der ballata deu-tet es an. Und auch das darf man zugeben, daß die sogenannten'ältesten' Lauden aus dem 13. Jahrhundert z. T. ganz greifbareAnhaltspunkte dafür hergeben, daß sie in den Lebens- undUmgestaltungsprozeß wirklicher Volkslieder eingegangen sind ')•
•) Vgl. die Lauden beiMonaci Crestom. S. 450 ff.; aufschlußreich nachdieser Richtung hin sind auch die 'Antiche laudi cadorine' hsg. von GioseCarducci, Pieve di Cadore 1892.