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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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68 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

könnte darauf deuten, daß immer ein und derselbe Gesang dieBußzeremonie begleitete, und trifft sich mit der Angabe desZwettler Chronisten (s.o.): quidam cantus maternus ad hocdeputatus. Die Angabe in der Reimchronik Ottokars vonSteiermark: Ir buozliet si sungen (Mon. Germ. Dtsch. Chron. 5,1, V. 9441) ist doppeldeutig; aber die Notiz der Melker Anna-len scheint trotz dem Plural darauf zu deuten, daß bereits einfester Zusammenhang zwischen dem Zeremoniell der Geißelungund dem dabei angestimmten Gesang bestand: se ipsos flagelliscruentantes et cantus ad suum libitum pro numero plagarumcompositos decantantes Mon. Germ. SS. 9, 509.

Bemerkenswert ist, daß man die Gesänge als neu empfundenhat. Schon die letzte Quellenangabe läßt sich in dieser Rich-tung verwerten; deutlicher spricht der Satz des Hermann vonAltaich: cantilenas quas de passione . . . dictaverant. Und dasgereimte Chronicon jenes anonymen Österreichers (s. o. S. 19)sagt sogar:

cantus novos promere seit et gladiator.Auch von den gegen Ende des Jahrhunderts in kleineren Scharenin Deutschland auftretenden Geißlern wissen die Gesta Trevir.archiepisc. zum Jahre 1295 zu berichten: vapulatores, qui . . .per civitates oppida et villas decurrentes sub quadam spe (1. specie ?)sanetitatis quaedam nova cantica decantabant Martene et Durand,Coli. ampl. 4, Sp. 362. Aber solche Angaben dürfen nicht zugewichtig genommen werden und lassen im einzelnen Falleauch eine Interpretation in der Richtung zu, wie sie die Be-zeichnung 'neues Lied' im Bereiche des frühneuhochdeutschenVolksliedes verlangt.

Für das Jahr 1349 stehen uns bei Hugo von Reutlingen,in Closeners Straßburger Chronik und in der Limburger Chronikdie umfänglichen Berichte über die Geißelungszeremonie zurVerfügung, denen mehr oder weniger vollständig auch Lieder-texte beigegeben sind. Ihr Interesse sammelt sich begreiflicher-weise durchaus auf dem Hauptleis, der die Geißelungszeremoniebegleitete (s. u. Lied I). Aber Closener bemerkt ausdrücklich:doch hettent etliche maniger hande andere leiße die wil zo-getent. aber zu der büße hieltent alle einen leis S. 118, 10 ff.Es ist deshalb nicht wertlos, auch die anderen historischenAngaben über die Lieder des Jahres 1349 zu prüfen, auch deshalbnicht, weil von ihnen aus Licht auf die älteren Notizen fallen kann.