Die geschichtlichen Zeugnisse für das Geißlerlied. ß7
bedeutsam ist, daß sie uns die ersten deutschen Verse auseinem Geißlerliede bietet: Anno Domini 1261 ordo flagellantiumoritur, que dicebatur penitentia laycorum, cuius exordium soliDeo et sue matri J ) ascribitur. Quam et divites nobiles humilespauperes senes adolescentes et pueri manifeste circueundo ecclesiasnudi psallendo, passionem Christi pronunctiando . . . et illumcantum psallebant:
Ir stacht euch sere in Christes ere.
Durch Got so tat die sunde mere SS. 9, 728.
Dabei bleibt freilich etwas unsicher, ob die 'passio Christi'während der Geißelprozedur gesungen wurde und ob die deut-schen Verse mit der passio in Verbindung standen, oder obsie sich sonst in einen größeren Rahmen stellten. An sich wäreauch dies Thema einem Geißlerliede von liturgischer Ver-wendung gemäß. Denn die Geißler empfanden ihre Buße alsWiederholung zugleich und als Vergeltung von Christi Leiden;also war es gegeben, daß ein liturgischer Geißelleis auf diePassion Bezug nahm. Die Liturgie von 1349 vereinigt beideThemata, Christi Besänftigung durch Marias Fürbitte unddie Passion; der Gedanke ist also zu erwägen, ob der Geißelleisder Flagellanten von 1260 es nicht auch schon tat. Aber auchdie Meinung läßt sich vertreten, daß der 'cantus maternus'u nd die 'passio Christi' verschiedene Lieder und eine unter-schiedliche Praxis in der noch unfesten Bewegung darstellen,■k-rst ein späteres Stadium hätte dann die Vereinigung beiderDiemata in derselben Liturgie gebracht, — eine Vorstellung,die sich vom Standpunkt des Volksliedwachstums aus gesehensehr empfiehlt.
Im übrigen fällt die Tatsache auf, daß von dem Gesang,unter dem die Geißler einherzogen, bald im Plural und bald imSingular die Rede ist. Die Continuatio Sancruc. der MelkerAnnalen sagt: cantabant devotos cantus Mon. Germ. SS. 9, 645.Baczko von Posen dagegen spricht von einem bestimmtenLiede: quandam cantilenam precinentes Silesiac. rer. scriptoresnsg. von Friedr. Wilh. von Sommersberg 2 (1730), 74. Das
') Das zielt anscheinend nicht unmittelbar auf ein Lied, aber es ent-spricht vollkommen dem, was der Himmelsbrief, das Hauptstück der Geißler-Predigt, über den Ursprung der Bewegung sagte. Und auf diesem Himmels-n ef fußt das Kernstück der Geißlerliturgie von 1349; vgl. S. 48.