66 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
läßt. Befragen wir zunächst die Angaben, die einigermaßendeutlich und mit Inhaltsbezeichnung auf den Geißelleis weisen,so ist am bedeutsamsten die Notiz eines Zwettler Chronisten:tarn diu se ipsos verberantes, quousque quidam cantus matemusad hoc deputatus jiniebatur Mon. Germ. SS. 9, 656. Der Zu-satz ad hoc deputatus weist deutlich auf eine Art von liturgischemText, der ständig die Geißelübung begleitete. Die Bezeichnungcantus matemus, also 'Marienlied', würde von den Liedernder Geißler des Jahres 1349 nur Stück III verdienen. Aberhöchstwahrscheinlich hat es sich um ein Lied von ausgepräg-terem Inhalt gehandelt, als dies verwaschene Stück mit seinenherkömmlichen Litaneizeilen ihn bietet. Die italienischenNachrichten (s. o. S. 61 f.) helfen die knappe Angabe des Chro-nisten deuten: der Inhalt des Liedes muß ein Hilferuf an Mariagewesen sein, sie möge um der bußfertigen Geißler willen ChristiZorn versöhnen, der die Welt zu zerstören drohe. Der Gedankemeldet sich, ob dieser cantus matemus nicht das Urbild vonTeil II der Geißlerliturgie des Jahres 1349 gewesen sein könne.Das ist ja das Stück, in dem die spätere Liturgie den tragendenGedanken der Geißlerbewegung gestaltet: der zürnende Christussoll mit Mariens Hilfe durch die Geißelbuße versöhnt werden.Aber obgleich der cantus matemus im Ziel auf dasselbe aus-gewesen sein muß wie dies Kernstück der späteren Liturgie,die Formung des Gedankens war doch wohl eine andere: dennTeil II der Liturgie hätte schwerlich als cantus matemus be-zeichnet werden können. Bestätigt wird die Zwettler Nach-richt durch die Verse eines anonymen zeitgenössischen Chro-nisten, ebenfalls eines Österreichers:
catervatim populus omnis flagellatur.cantus hinc attollitur: mater imploraturJhesu Christi, canticum sie multiplicatur(dann folgen die auf S. 19 ausgehobenen Verse)
SS. 25, 363.
Im übrigen gibt Hermann von Altaich einen Hinweis aufden Inhalt des Gesanges: flagellis semet ipsos . . . tamdiuchruciantes, quousque ad quasdam cantilenas, quas de passioneac morte Domini dietaverant, duobus vel tribus precinentibus,circa ecclesiam vel in ecclesia compleverunt SS. 17, 402. Dazustellt sich die Angabe eines Wiener Chronisten, die dadurch