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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtlichen Zeugnisse für das Geißlerlied. 65

Dichtung anschwoll, so begreift es sich, wenn auch spontanereligiöse Bewegungen, wie wir sie im späteren Italien ja immerwieder ausbrechen sehen, in ihrem Liedergut Zusammenhangm it der Laudenpoesie verraten. Die Büßerscharen des FraVenturino aus Bergamo sangen 1335 in Rom zur Vesper ihrefoudes (Burdach, Rienzo und die geistige Wandlung seinerZeit S. 472). Piatina berichtet in seiner Geschichte vonMantua von einer wieder eschatologisch bestimmten Schwär-merei, die Ende des 14. Jhs. von einem Priester in Oberitalienentfesselt wurde und sich in Umzügen entlud: laudes beataeVirginis euntes et stantes canebant, hymnis ad id apte compositis(Graevius, Thesaurus antiquitatum et historiarum Itahaetom. IV pars II, Sp. 144). Das ist ebenso verständlich, wiewenn uns von den Bianchi der Zeit berichtet wird, daß siePsalmos et devotos rhythmos, darunter das lateinische Stabatmater sangen (Georgius Stella, Annales Genuenses beiMuratori 17, 1170. 1172) oder wie die Summa histonahs desAntonius Florentinus sagt, hymnos in latina vel vulgantingua, darunter vorzüglich das Stabat mater (nach E. Lempp,Realenzykl. f. prot. Theol. 8, 518).

Die verschiedene historische Situation des italienischenun d des deutschen Geißlertums bedingt also Unterschiedenicht nur im Inhalt, sondern auch in der Qualität der Zeug-nisse; das will genau beachtet werden. Die Volksbewegungd es Geißlertums und ähnlicher späterer Schwärmereien ent-faltete sich in Italien vor dem Hintergrunde stehender Laien-bruderschaften. Auch die Lieder dieser Volksbewegungenhalten sich gewiß an den Liedbesitz der Bruderschaften, derd ann natürlich seine volksliedhaften Wandelungen durch-dachte; sie haben sich aber, zumal in den Anfängen, sicherlichnicht auf solches Lehngut beschränkt. Bei den Chronistenjedoch verwischen sich die Dinge. In Deutschland, wo dieKonkurrenz solcher Bruderschaftslieder entfällt, dürfen dieNachrichten vorbehaltloser gewertet werden. Dafür ergebenSl ch andere Unklarheiten.

Überblickt man die deutschen Zeugnisse für die Geißlerde s Jahres 1260, so macht sich schon insofern eine Schwierig-keit fühlbar, als sich nicht immer zwischen dem oder den Geißel-ten, die das Rituell der Geißelhandlung begleiteten (vgl. u.Lie d I), und den Fahrtleisen (vgl. u. Lied IIIV) scheiden

11 ü b n c r , Gcißlcrlieder. °