64 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Gcißlerliedes.
die, wenn man sich die Situation dieser ersten Wallfahrer-scharen vergegenwärtigt, gewiß etwas Merkwürdiges hat.Wenn d'Ancona (Origini del teatro italiano i, 112) dazusagt: 'notisi questo verbo, che si fa quasi supporre un' im-provvisazione', so trifft das schwerlich zu. Einleuchtender wäredie Angabe, wenn sie auf Dichtungen gemünzt wäre, wie sieaus dem Schöße der Confraternitäten hervorgingen. Um somehr als in Statuten solcher Bruderschaften fast mit denselbenWorten vom Gesang der Lauden die Rede ist: die 'Fratellidella Misericordia' in Gubbio hielten ihre Umzüge durch dieKirchen der Stadt sem-per canendo laudes per iter ad honoremmatris Mariae (Mazzatinti, I disciplinati di Gubbio in: Gior-nale di filologia romanza 3 [1880], 92). Auf einen Inhaltjedenfalls, wie wir ihn nach den früheren Zeugnissen für dasälteste Geißlerlied voraussetzten, kann man nach dieser An-gabe schwerlich noch schließen. Zu einem ähnlichen Urteilführt die Notiz: Multi laudes Dei et Beatae Mariae Virginistempore Mo inveniebant, et eas nudi processionaliter . . . devotecantabant Memoriale potestatum Regiensium bei MuratoriScript, rer. Ital. 8, 1121. Auch bei dem, was sonst noch anAngaben über die Lieder der ältesten Geißler begegnet, scheintmir die Frage geboten, ob nicht den Autoren Lieder vor-schwebten derart, wie sie im Schöße der Bruderschaften ent-sprangen und gepflegt wurden. So heißt es in der GenueserChronik des Jacobus de Voragine: se verberantes ibant,virginem gloriosam et ceteros Sanctos cantilenis angelicis im-plorantes Muratori 9, 49. Man halte daneben die Angabe, nachder im Oktober 1260 20 000 Bolognesen sich geißelnd nachModena zogen, wobei sie laudes divinas et incondita carminasangen 1 ). Da können incondita carmina nur religiöse Volks-lieder im eigentlichen Sinne meinen, so wie die deutschenGeißlerlieder sie darstellen; dann muß doch wohl laudes divinasauf eine höhere Schicht von Dichtung zielen, und das könntenur die Laudenpoesie sein.
Vergegenwärtigt man sich, welche kraftvolle Entwicklungdas Bruderschaftsleben in Italien gewann und zu welcherBreite, mit ihm zugleich gedeihend, die zünftige Lauden-
') Wiedergegeben bei E. Monaci, Appunti per la storia del teatro italianoin: Rivista di filologia romanza 1 (1S72), 248, leider mit falscher Quellen-angabe.