62 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
Rufe, vielleicht in litaneiartiger Form denken, zumal wennman eine spätere Stelle derselben Quelle heranzieht: et depositis-pannis ad domum fratrum Minorum per civitatem Janue nudiire ceperunt verber ando se et clamando alta voce: Domina sanctaMaria, ut supra dictum est, et proicientes se in terram unanimiterclamabant: Misericordia! Misericordia! Et subsequenter clama-bant: Pax! Pax! S. 242. 'pax' und 'misericordia' sind ja rechteigentlich die Stichworte der Bewegung von 1260. Das ersteein Notschrei, der das größte Leiden des von Parteikämpfen zer-rissenen Italiens trifft, das zweite ein Notschrei, in dem gewißauch die Sorge vor Gottes Gericht mitschwingt. So gehört alsoauch ein Zeugnis der Annales Piacentini Gibellini zumJahre 1260 hierher: homines nudi, qui se de coriis verberabant,invocantes pacem et beatam Mariam Mon. Germ. SS. 18, 512.Die Angabe des Mönchs von Padua meint deutlich eingeformtes Lied und zielt vielleicht nicht mehr auf gleich primi-tive Äußerungen der Geißlerbewegung. Was die Quelle überden Inhalt des Liedes andeutet (das Beispiel der Niniviten),paßt recht gut in den eschatologischen Gedankenzusammen-hang, weniger gut in ein geistliches Volkslied niederer Schich-tung: in den deutschen Geißlerliedern ist ein solcher Vergleichnicht zu denken. Eher verstünde er sich in einem Liede kunst-mäßigen Ursprungs. So wird also die Frage nach Schicht undQualität des Liedes, auf das der Mönch von Padua anzuspielenscheint, offenbleiben müssen. Aus seinen Angaben ist abernoch mehr für das Geißlerlied zu holen. Es heißt bei ihm weiter-hin: Sola cantio penitentium lugubris audiebatur ubique . . .,ad cuius flebilem modulationem corda saxea movebantur, et ob-stinatorum oculi se a lacrimis non poterant continere (o. S. 9 imZusammenhang). Man vergleiche damit eine Laude, die ausGubbio, also dem Herzen der italienischen Geißlerbewegung,stammt x ). Das Stück ist dialogisch; Christus spricht mit denGeißlern und er beginnt: ich trage für die Sünder mein Kreuzauf dem Nacken; das sündige Volk hat meine Gebote über-treten, deshalb muß ich für die Menschen Genugtuung leisten;dann weiter:
Verghognar se de' ciascunoChi la croce sua non tolla;
r ) Bei Mazzatinti, Laudi dei disciplinati di Gubbio a. a. O. S. I58f.