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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtlichen Zeugnisse für das Geißlerlied. 61

daß die Lieder, die der einen wie der anderen Form eigen waren,nach Qualität und Stil nicht ohne weiteres gleichgesetzt werdendürfen. Das im Kreise einer fest organisierten und lokalisiertenkirchlichen Bruderschaft gehegte geistliche Lied und das frei-zügige religiöse Volkslied sind Dinge verschiedener Schichten-lage.

Aus dieser Situation ergeben sich gewisse Vorbehalte.Der Gedanke liegt nahe, daß in den historischen NachrichtenDinge verschiedener Artung durcheinander gehen; vor allemmeldet sich der Verdacht, daß sich in den Zeugnissen die Lauden,wie sie im Kreise der Confraternitäten in Schwang waren,vordrängen zuungunsten primitiverer Liedformen, wie man sieim Munde der buntzusammengesetzten regellosen Scharen desAnfangs voraussetzen möchte. Selbst dem gleichzeitigenChronisten würde man es zugute halten, wenn seine Angabenüber die ältesten Formen des Geißlerliedes sich färbten durchd ie Erinnerung an die Lauden der Disciplinatenbruderschaften,die ihm viel näher lagen.

Die konkretesten Angaben über den Inhalt des ältestenGeißlergesanges bieten die Annalen von Genua: Natu*« civitate Perusii ceperunt homines ire per civitatem nudi verbe-r ando se cum flagellis . . . et clamando: Domina sancta Maria,y ecipite peccatores et rogetis Jesum Christum, ut nobis parceredebeat Mon. Germ. SS. 18, 241. Nichts anderes besagt auchdie Angabe des Mönchs von Padua: cawtu lacrimabili Dominiwisericordiam et Dei genitricis auxilium implorabant; sup-PUciter deprecantes, ut qui Ninivitis penitentibus est placatus,ß t ipsis, iniquitates proprias cognoscentibus, parcere dignaretur(°- S. 9 im Zusammenhang gegeben). Daß diese Angabenbrauchbar und zuverlässig sind, leidet keinen Zweifel, vor allemdeshalb nicht, weil sie vollkommen der Situation entsprechen.Es ist schon auf die Tatsache hingewiesen worden, daß in derG eißlerbewegung des Jahres 1260 sich eschatologische Stim-mungen auswirken (s. o. S. 29). Begreiflich also, wenn derälteste Geißlergesang einen entsprechenden Inhalt aufwies:Christ, der die Welt ob ihrer Frevel verderben will, soll sichder Sünder erbarmen, und seine Mutter Maria soll bei ihmFürbitte einlegen. Dabei ist zu beachten, daß die Notiz derGenueser Annalen noch nicht notwendig ein ausgebildetesGeißlerlied voraussetzen läßt. Man könnte wohl auch an kurze