58 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
Geißler zwar nicht vor; die Aufforderung zur Geißelung gehörteja nicht zum ursprünglichen Bestände der Himmelsbriefe. Aberder Kern des legendarischen Berichtes, daß Christus beschlossenhatte, die Welt ob ihrer Bosheit zu vernichten, aber durchseine Mutter sich erbitten ließ, einen Aufschub zu gewähren,damit die Menschheit auf dem Wege der Geißelung Buße tunkönne, — dieser Kern deckt sich so völlig mit dem Kern desGeißlerbriefes, daß der Schluß berechtigt ist: die Legendezehrt hier von dem Inhalt des Briefes, von dem sie berichtet.Damit ist also erwiesen, daß bereits die italienischen Geißlermit einem Himmelsbriefe operierten, wenigstens die späterenGeißler: im Kreise der Disciplinatenbruderschaften muß dieTradition gelebt haben, daß ihre Sache mit einer himmlischenBotschaft in Zusammenhang stehe. Es hat deshalb auch seineBedeutung, daß die Legende in einem Codex aufbewahrt ist,der einer Laienbruderschaft gehörte.
Die aus dem 14. Jahrh. überlieferte Legende kann freilichnoch nicht beweisen, daß auch die Urheber der Geißelbewegungschon sich auf einen Himmelsbrief bezogen. Man könnte viel-mehr einwenden, daß die historischen Nachrichten über dieersten Geißler dieser Tatsache doch wohl Erwähnung getanhätten, wie sie es 1349 taten. Dagegen läßt sich sagen, daßdie jüngeren, an sich viel ausgiebigeren Nachrichten nichtzuletzt deshalb von dem Himmelsbrief Notiz nehmen, weil erfest mit dem Rituell der Geißler verbunden war. So kann esbei dem Aufspringen der Geißelbewegung in Italien kaumgewesen sein; es fehlten noch die festen Formen. Der Mangelan unmittelbaren Erwähnungen würde auf die Art vielleichtverständlich; und an mittelbaren Zeugnissen scheint es nichtzu fehlen. Die Genueser Annalen berichten, daß die erstenGeißler in Perusia umherzogen, indem sie ausriefen: Dominasancta Mana, recipite peccatores et rogetis Jesum Christum, utnobis parcere debeat (s. u. S. 61). Das ist ein Ruf, der nur denHauptinhalt des Himmelsbriefes zusammenzufassen scheint.Nach Salimbene (s. o. S. 55) riefen die Geißler: Dei voces etnon hominis (Apost. 12, 22); auch das könnte auf eine himm-lische Botschaft deuten.
Die Legende von Fasani beginnt in der Bologneser Hand-schrift mit der Überschrift: Questa e la vita de fra RaineroFaxano de Peroxa comenzatore de la regola di Batudi in Bologna.