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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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56 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

statten. So sind denn die Beziehungen zu dem großen escha-tologischen Kapitel 24 des Matthäus ganz handgreiflich. Mehr-fach wird Christi Wort hiemel und erde müs vergan usw. zitiert,Clos. 112, 5. 32 (vgl. Matth. 24, 35). ertbidemunge und hungersind bei Closener 112, 14 die stärksten Zeichen von GottesZorn, nach Matth. 24, 7; manche lateinischen Fassungenzitieren wörtlich die biblische Stelle (Priebsch S. 60 Z. 161).Die pestilentiae fehlen bei Closener, dafür setzt er hinzu großesstrites vile nach Matth. 24, 6. Die Verfinsterung der SonneClos. 113, 29 entspricht Matth. 24, 29. Einige Beziehungenzu Stellen aus den kleinen Propheten, die die mittelalterlicheBibelexegese z. T. auch eschatologisch deutete, bringt Pfannen-schmid S. 149 bei. Der Himmelsbrief spricht von den Sarazenen(Clos. 112, 12; 113, 15; vgl. 112, 22; 113, 32), die in dem escha-tologischen System des Joachim von Fiore als praecursoresAntichristi auftreten. Der Brief malt (Clos. 114, 4 ff.) das Bildjener segenschweren Zeit, die dem Endgericht vorangehen sollfür die, die sich von ihren Sünden bekehren: so mochte sichin gröberen Köpfen der 'status Spiritus sancti', das Reichdes Friedens und der Beschauung darstellen, zumal von einemanderen eschatologischen Vorstellungskreise her eine solcheAuffassung gestützt wurde. So darf man also sagen: derHimmelsbrief konnte gar keine bessere Stätte finden als dievon endzeitlichen Erwartungen erfüllten Scharen der Geißler.Es läßt sich auch der Nachweis führen, daß schon ita-lienische Geißler sich auf einen Himmelsbrief stützten. Überdas Aufflammen der italienischen Geißlerbewegung gehen dieZeugnisse auseinander. Eine Meinung, die früh Glauben fandund späterhin den Vorrang gewann, war die, daß ein Eremitaus der Gegend von Perugia, Raniero Fasani, den Anstoßgegeben habe, weil eine himmlische Stimme ihm mitteilte,die Stadt würde zugrunde gehen, wenn ihre Einwohner nichtBuße täten *). Von diesem Fasani ist uns aus dem 14. Jahrh.eine Legende überliefert, die für unsere Untersuchung be-deutsam genug ist, um ihren Text in den entscheidenden Teilenwörtlich wiederzugeben *). Sie berichtet, daß Fasani sich mehrals 18 Jahre heimlich geißelte; dabei sah er einmal, wie den

') Nachweise bei de Bartholomaeis S. 225 ff.

ä ) Veröffentlicht von G. Mazzatinti im Bollettino della societä Umbriadi storia patria Bd. 2 (Perugia 1S96), S. 561.