52 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
Liturgie gab; auch im einzelnen findet man einige Berührungen,hinter denen vielleicht Einwirkungen der Prosa auf das Liedgesehen werden dürfen. Immer wieder ist in Brief und Predigtvon dem Zorn Gottes die Rede, der in der Liturgie nicht nurin dem Mittelstück, sondern auch in den Kehrreimen eine be-herrschende Rolle spielt. Auch auf eine in ihrem Zusammenhangziemlich rätselhafte Stelle der Liturgie fällt wohl von der Predigtaus Licht: Du erd erbidemt, zercliebent die staine V. 102. Überdie mutmaßliche Herkunft dieser Zeile ist später genauer zuhandeln (s. S. 86). Sie gehört an sich in den Zusammenhangder elementaren Wunder, die bei Christi Tode geschehen (et terra,mota est, et fetrae scissae sunt Matth. 27, 51); das wird auch durchden herkömmlichen Wortlaut erhärtet. Aber die Handlung istins Präsens umgesetzt, die Stelle scheint also auf die Gegenwartdeuten zu sollen. In der Tat ist mir nicht zweifelhaft, daßdiejenigen, die diesen Vers sangen oder hörten, ihre Gedankenauf die Erdbeben der eigenen Zeit richteten, die man als Straf-gerichte des erzürnten Gottes oder gar als Vorzeichen des Endesempfand (s. o. S. 30). Wenn die Geißler bei einem Bußakt,der die Pest abwenden sollte, auch von Erdbeben sprachen, sowar eine andere Deutung eigentlich gar nicht möglich. Umso-mehr als auch die Predigt an jener Stelle, wo sie von den be-drohlichen Zeichen des göttlichen Zornes spricht, das Erdbebennachdrücklich in den Vordergrund schiebt (Clos. 112, 14). Esist also sehr wohl möglich, daß diese Stelle den Anlaß gegebenhat zur Einflechtung jenes Passus in die Liturgie.
Erwiesen ist sonach, daß die Liturgie der Geißler zwarauf ihrem Himmelsbriefe fußt, aber keineswegs auf der Fassungdes Briefes, mit der sie in Closeners Bericht verkoppelt er-scheint. Und das dürfte man auch gar nicht erwarten. Denndieser Brief ist massenhaft verbreitet und abgeschrieben worden;verhieß die Predigt doch selber: unde wer die botschaft gottesabeschribet und von stat zu stat und von hüse zu Mise und vondorje zu dorf den brief sendet, min segen kumtnet in sin hüs Clos.115, 33 ff. Er teilte also in gewissen Grenzen das volksläufig-unfeste Leben, das die Statuten und die Lieder führten, — auchvon den letzten darf man ziemlich sicher sein, daß sie sich nichtnur mündlich, sondern auch geschrieben verbreiteten. Wiehätte es der Zufall fügen sollen, daß die Fassung des Briefes,auf Grund deren die Ausgestaltung des dritten Teiles der