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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die Geißlerpredigt. 51

sie konnte am ehesten quellenmäßiger Grundlage entraten.Bei der mittelalterlichen Einschätzung der superbia begreift essich leicht, daß sie sich abrundend in einem Sünden Verzeichniseinstellte; bezeichnenderweise steht die Strophe am Schluß derSündenliste. Diese Tatsache stützt die Vermutung, daß sienicht von Anfang an mit den andern Sünderstrophen einenfesten Zusammenhang gebildet hat, sondern erst nachträglich,weil die schlimmste Todsünde nicht fehlen durfte, angehängtworden ist (vgl. S. 134).

Eine Frage für sich ist, warum die Liturgie aus dem langenSündenregister des Himmelsbriefes gerade diese Auswahl traf:Lügner und Meineidige, Mörder und Straßenräuber, Ehebrecher,Wucherer, Entheiliger der Feiertage. Die Frage läßt einebündige Antwort schon deshalb nicht zu, weil die unmittelbareQuelle nicht greifbar ist: wir wissen nicht, welche Form dasSündenregister in der Form des Himmelsbriefes hatte, an died ie Liturgie sich hält. Vergleicht man die lange Liste derMünchener Fassung, so zeigt sich nur, daß die Liturgie derbeu nd greifbare Sünden bevorzugt hat. Man möchte ja einentieferen Sinn hinter der Auswahl finden, darf aber kaum zuvi el aus ihr herauslesen. Bei den Wucherern drängt sich derGedanke an die sozialreformerischen Ideen auf, die auch einenBestandteil in der geistigen Welt wesentlich des späteren deut-sehen Geißlertums bedeuteten (s. o. S. 32). Aber wer weiß, ob°nne den Anstoß des Himmelsbriefes diese Sünde gegeißeltWorden wäre; die Drohung gegen die Entheiligung derFeiertage geht ja deutlich nur auf den Himmelsbrief zurück.Aus dem Himmelsbrief sprach den Geißlern Gottes Stimme.D ie Liturgie bedeutete für sie die Umsetzung dieser göttlichenKundgebung in eine sakramentale Handlung. Daß diese Händ-ig mit ihrem Begleittext den Anschluß an Gottes Sprüchenielt, das war das Entscheidende. In diesem Zusammenhangis t es von Bedeutung, daß bei jenem eigentümlichen Teil desBußaktes, der ein Sündenbekenntnis durch stumme Gestenverlangte, dem Anschein nach gerade solche Sünden zum Aus-druck kamen, die auch in den Sünderstrophen der Liturgiean gegriffen wurden.

Aber die Abhängigkeit der Liturgie von dem Himmels-brief erschöpft sich nicht darin, daß er Anregung und Stoffmindestens für den Kern des zweiten und dritten Teiles der