Die Geißlerpredigt. 49
dritte Teil, der Sündenkatalog; doch sind hier die Zusammen-hänge verwickelter. Als Quelle käme hier aus Closeners Fassungnur das Stück 115, 9—20 in Frage. Damit sind die Haltepunktefür die Strophen von den Wucherern, den Ehebrechern und denMeineidigen gegeben. Auch die Strophe, die von der Ehrungder heiligen Tage handelt, findet hier ihre Anknüpfungsmöglich-keit; doch ist zu beachten, daß Closener an dieser Stelle nurvon der Heiligung des Sonntags handelt: wer die sint die zuder kirchen gont an mime heiligen sunnendage und an andernheiligen dagen und ir almusen teilent mit den armen, die erwerbenterbarmunge mins vatters 115, *7&: damit findet er S1C £ inÜbereinstimmung mit der Tradition der Himmelsbnefe. Wenndie Strophe der Liturgie hier den Freitag in den Vordergrundschiebt, so ist das eine Änderung, die sich wieder aus der be-sonderen Lage der Geißler versteht: für sie kam dem Freitag,dem Tag der Passion, in gewissem Sinne der Vorrang zu. Übri-gens zeigt der Brief Closeners an anderen Stellen ganz deutlichdas Bestreben, den Wortlaut in diesem Punkte den Bedürfnissender Geißler anzupassen. Während es nämlich den Himmels-briefen von allem Anfang an nur um die Sonntagsheihgunggeht und nach den religionsgeschichtlichen Zusammenhängen,in denen wir sie zuerst auftauchen sehen, auch nur darum gehenkann, hat sich in Closeners Fassung an den meisten Stellen demSonntag der Freitag beigesellt (112, 10. 27. 34; "3. I2 - 20 - I3: 4>3- 23; 115 1 8) 1). — Übergangen hat die Liturgie aus ClosenersSündenkatalog dagegen den Fluch: ist daz ir nüt gebent uwernzehenden reht, gottes zorn get über üch Clos. 115, 16 f. Vielleichtdarf man, um dies Übergehen zu deuten, daran erinnern, daßes sich bei den Geißlern ja wesentlich um eine Bewegung derunteren sozialen Schichten handelt: man könnte begreifen, daßihnen dieser Fluch, der auch aus weit zurückliegenden Formender Himmelsbriefe gedeutet werden muß und sich von ihnenaus immer weiter vererbt hat, unbehaglich war. Aber auchei ne ganz andere Erklärung ist denkbar. Es fällt nämlichsofort auf, daß zwei Strophen aus dem Sündenkatalog derLiturgie bei Closener keine Entsprechung haben; es sind diev on den Mördern und Straßenräubern (81 ff.) und den Hoffär-ü gen (101 ff.). Nun bieten aber andere Himmelsbriefe längere
') Vgl. Priebsch S. 37.Hübner, Gcifilcrlieder.