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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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48 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

Es ist nun eine längst beobachtete Tatsache, daß die Geißler-liturgie mit diesem Himmelsbrief zusammenhängt; aber mandarf mehr sagen: sie fußt geradezu auf ihm. Dabei wird esmethodisch geboten sein, wenn man die Liturgie zunächst inVergleich setzt mit der deutschen Fassung der Predigt, wieClosener sie zusammen mit jenem Denkmal überliefert: eindeutscher Wortlaut muß es doch wohl gewesen sein, der aufdas deutsche Lied gewirkt hat. Am schwächsten ist der Zusam-menhang in dem ersten Dritteil der Liturgie. Hier kommt alsAnregung lediglich Clos. 116, 20 ff. in Frage: Christus hat fürdich die Marter am Kreuz erlitten (vgl. die vierte Strophe beiHugo v. Reutl.). Du aber dankst ihm nicht dafür. Willst dudich mit Gott versöhnen, so mußt du für ihn dein Blut ver-gießen (vgl. Clos. 116, 25: du . :. solt vergießen din blüt und V. 25:Durh dich vergiess wir unser Mut).

Das Mittel- und Kernstück der Liturgie lebt von der Predigt.In dem Himmelsbrief sagt Gott, daß er den Beschluß gefaßthabe, die Welt zu vernichten, aber daz hat mich gerüwen, durchuwern willen nüt, sunder me durch die menie miner heiligenengele, die mir zu fuße sint gevallen und mich erbetten hant,daz ich minen zorn von uch gewendet han und ich min barme-hertzekeit mit uch geteilet han (Clos. 113, 5 ff.). Und ein Stückspäter (Clos. 113, 24 ff.): daz hat mich wendig gemachet mineliebe muter Marie und die heiligen enget Cherubin und Seraphin,die nüt abe stont für uch zu bittende, durch die habe ich uchvergeben uwer sünde und mich erbarmet über üch sünder. DieDublette, die der Brief in Closeners Fassung hier bringt, istin den Strophen 2 und 3 des Mittelstücks zusammengezogen,wo Christus den Engeln seinen Vernichtungsbeschluß mitteilt,aber durch Marias Bitten besänftigt wird. Bedeutsam ist, daßdie Predigt hier von vollendeten Tatsachen spricht: 'meineMutter hat mich durch ihre Bitten erweicht und ich habe micheuer erbarmt'. Der Geißlerleis zeigt uns nur Christi Zorn undMarias Bemühungen, ihn zu besänftigen: So wil ich schiggen,daz sie mossen Bekeren sich V. 61 f. (vgl. zum Wortlaut Clos.114, 4; 115, 4 f.). Maria wird also gewissermaßen zur Urheberinder Geißelbewegung gestempelt. Da die Geißelbuße das Mittelzur Besänftigung von Gottes Zorn ist, war hier eine Umbildungder Quelle geboten.

Völlig gebunden an die Predigt ist schließlich auch der