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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 31

mann aufmerksam gemacht hat'), Pest und Erdbeben zu-sammen :

Pestis regnavit plebes quoque millia stravit.Contremuit tellus, populusque crematur HebräernInsolitns populus flagellat se seminudus etc.

Das ist gewiß sinngemäß nach der Anschauung jener, die dieseZeichen miterlebten.

Aber trotz dem Zeugnis der Breslauer Handschrift darfman nicht glauben, daß eine bestimmte eschatologische Meinunggeißlerisches Gemeingut gewesen sei. Nicht so sehr als Glaubens-satz, sondern mehr als wogender Stimmungshintergrund derBewegung muß das Eschatologische verstanden werden. Buntund brodelnd, wie die ganze Bewegung nach ihren soziologischenBedingungen war, muß man sich auch ihren geistigen Unter-grund denken. Das hat es ja den Nachdenklicheren unter denalten Chronisten so schwer gemacht, zu einem bündigen Urteilüber den Wert oder den Unwert der Geißlerbewegung zu ge-iangen. In li Muisis spricht ein reifer Beobachter, der keinenrechten Ausweg aus dem Für und Wider sieht und die Ent-scheidung Gott anheimstellt, und bei Hugo von Reut-lingen, auch einem geistlichen Manne, äußert sich deutlicheSympathie, wenn nur nicht so viele fotti und insipientessich unter die sapientes gemischt hätten (Runge S. 28, V. 3o8ff.).Selbst ein so gehässiger Urteiler wie der Verfasser der Quaestioin der Breslauer Handschrift stuft mit deutlicher Absicht undWeiß bei den 'Dicta' wie bei den 'Facta' der Geißler von Unter-schieden der Irrung und des Frevels, dem Grade und denTrägern nach.

Robert Hoeniger hat in seinem Buche über denschwarzen Tod in Deutschland (Berlin 1882) die Meinung ver-treten, daß die Geißlerbewegung von 1349 sich in zwei Stadienabgespielt habe: im ersten rein religiös begründet, hätte siesich im zweiten zu einer vollständig organisierten sozialpoliti-schen Bewegung entwickelt, die unter dem Deckmantel ihrerBußübungen nur Sozialrevolutionäre Ziele verfolgt hätte.Biese Ansicht ist dahin zu modeln, daß die Bewegung bei

') in dem unten S. 98 zitierten Werk S. 78 nach einer jungen Quelle, demErläuterten histor. chronologischen Abriß der Stadt Königsberg in der Keu-Mark (Berlin 1713) des Augustinus Kehrberg.