Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

30 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

zeigt sich der Glaube an das nahe Weltende alsdann bei denKryptoflagellanten J ); mit Recht stellt Hermann Haupt dieErwartung des nahen Weltgerichtes als den tragenden Gedankender späteren Geißler hin (Zs. f. Kirchengesch. 9, 117 t.). Dasist also nur ein Nachhall und vielleicht eine Verdichtung vonStimmungen, wie sie auch bei den Geißlern von 1349 voraus-gesetzt werden müssen. Das ganze Mittelalter hat ja gespanntnach Vorzeichen des Endes der Dinge Ausschau gehalten. Esgab ihrer außer dem Antichristen noch andere; man las sievor allem aus Matth. 24 und Luc. 21 heraus. Die greifbarstendarunter waren die pestilentiae et fames et terrae motus per loca,von denen Matth. 24, 7 spricht. Nun sind freilich mittelalter-liche Chroniken nicht gerade arm an entsprechenden Nach-richten; aber es darf doch darauf hingewiesen werden, daßein großes Erdbeben in Kärnten Anfang 1348, nach der häufigenErwähnung in den Quellen zu schließen, die Gemüter starkbeschäftigt hat, von mehrfachen Erdbeben in Italien im Jahre1349 zu schweigen; es ist gewiß nicht bedeutungslos, wennin diesen Nachrichten z. T. ein eschatologischer Ton schwingt 2 ).Und daß man das ungeheure Sterben der Jahre 1348 bis 51nicht als Vorzeichen des Endes genommen haben sollte, isteinfach undenkbar. Detmars Lübische Chronik deutet, wiebereits Haupt betont hat, den schwarzen Tod denn auch indiesem Sinne 3). Übrigens rücken auch mehrfach überliefertejüngere Merkverse auf das Jahr 1349, auf die schon Maß-

*) Unter den 'Articuli' der Sangerhausener Geißler besagt der zehnte:quod Cristus in Cana Gallilee circa finem convivii nupcialis aquam albam invinum rubeum convertit, designavit, quod circa jinem mundi baptismus aqueet baptismus sanguinis mutari debent Reifierscheid S. 33; vgl. 35, 6 ff.

*) Annales S. Stephani Frisingensis: Anno Domini 1348 in dieconversionis sancti Pauli apostoli (25. Januar) ... est factus terre motus tantus,qui a passione Christi numquam auditus vel visus est aut fuit mit genauererBeschreibung Mon. Germ. SS. 13, 59; Annales Casinenses: Anno Domini1349, iertia indictione, die 9. Septembris fuit magnus terrae motus in toto regnoSiciliae, qualis non fuit ab initio mundi nisi in morte Christi Mon. Germ. SS. ig,320; vgl. Matth. 24, 21: tribulatio magna, qualis non fuit ab initio mundi usquemodo. Über ein anderes italienisches Erdbeben im März 1349 Heinrichvon Diessenhofen bei Boehmer, Fontes rer. germ. 4, 72.

3) so sint desse stervende, orloghe, vorretnisse unde al de plaghe de scheenmer, de tekene, de Cristus heft ghesproken in den hilgen ewangelien, dat se scholenscheen vor der testen tiid; wo langhe vore, dat is nicht beschreven, wente Gode isdat alleneghen bekant Chron. d. dtsch. Städte 19, 522.