Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 29
barungen der Geißler findet sich diese Meinung nicht *). Imübrigen spricht wenigstens ein Zeugnis mit voller Deutlichkeitaus, daß die Geißler sich wirklich in der Endzeit fühlten. DieQuaestio des Breslauer Handschrift (s. o. S. 22) führt unterden» Dicta eomm an: Item de quadam sua cantilena *) dicebantquod post iy annos immediate presentem annum domini 134gsequentes religiones et precipue mendicantium ordines post multastribulationes deficient Substitute/ quodam novo ordine. postquametiam priores ordines cum magna gloria resuscitabuntur. et tuncmundus certissime finietur. et multa animalia non tarn frivolaquam insana garriebant, quae recitare longum esset Bl. 143'.Das Zeugnis ist doppelt wertvoll, weil es wieder auf die Zu-sammenhänge des deutschen und des italienischen Geißler-tums hinzuführen scheint. Daß beim Ausbrechen der erstengroßen italienischen Geißlerbewegung vom Jahre 1260 escha-tologische Erwartungen stark beteiligt waren, ist eine bekannteTatsache; nach den Weissagungen des Joachim von Fioresollte mit diesem Jahr der letzte status mundi, der ' StatusSpiritus saneti' einsetzen. Auch die Geißelfahrten der späterenBianchi nährten sich von dem Glauben, daß die Welt in kurzemuntergehen werde (Förstemann S. 135. 139); bezeichnender-weise treten auch in der unter dem Einfluß der Geißlerbewegungsich entfaltenden Laudenpoesie eschatologische Stoffe öfter zu-tage (vgl. Otto Beckers, Das Spiel von den zehn Jungfrauen,Breslau 1905, S. 45). Und nun also für 1349 ein Zeugnis, das dieendzeitlichen Erwartungen bis ins kleine ausmalt, und zwar mitEinzelzügen wie dem novus ordo, deren Zusammenhang mit joachi-mitischen Vorstellungen unverkennbar ist. Mit aller Schärfe
cristi sunt et dieuntur, qui (1. quia~>) seetatn flagellalorum infestant ei perse-quuntur war die Meinung der Sangerhausener Geißler, Reifferscheid S. 35.
') Denn ein Zeugnis wie das folgende wiegt vielleicht nicht schwer genug:in Doornik predigte ein Dominikanermönch, der mit einem Geißlerhaufenaus Leyden gekommen war, imponens fratribus de ordinibus mendicantium,quod contra devotionem assumptae poenitentiae praedicabant ... vocans talesjratres scorpiones et antichristos li Muisis a. a. O. S. 349.
') Wie mich Karl Strecker belehrt, könnte man übersetzen 'ver-mittels eines Liedes'. Dann würde die Notiz also ein verlorenes Geißlerliederweisen. Aber hier habe ich Zweifel an der Zuverlässigkeit der Quelle;zumindest ist sie kaum wortwörtlich zu verstehen. Denn neben den er-haltenen Geißlerliedern ist ein Text mit so bestimmten Angaben schwerv orstellbar.