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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 25

'denn Maria führt diese (nämlich die durch die Geißelbußegereinigten) Seelen nach dem Tode sofort in das Himmelreich' :

Und nint die seien all gelichUnd für si in daz himelrich.

Aber die letzte Zeile ist keine individuelle Äußerung, sondernentlehnte Formel, und von 'sofort' steht nichts zu lesen. Ausähnlichen Gründen ist die Empfängnis durchs Ohr, von derdas Lied 'Maria unser frowe' (s. u. Lied IV) spricht, ganz uner-giebig im Sinne eines Zusammenhangs der geißlerischen Lehremit dem Doketismus der Katharer, für den Pfannenschmidsie ausmünzen möchte (S. 164 f.), ganz abgesehen davon daß(wie leider öfter) ein arger Übersetzungsfehler im Spiele ist:Maria . . Was in gütlicher schouwe besagt nichts von 'göttlicherGestalt'. Und was für gnostische Spekulationen knüpft Pfannen-schmid gar an ein so landläufiges scholastisches Paradoxonwie Jesu Christi mater et filia S. 193!

Es ist ganz bezeichnend, daß die historischen Berichteim allgemeinen nicht einzelne Lehrmeinungen der Geißler alsGrund des Häresievorwurfes anführen, sondern aus ihrem Ge-bahren und ihren Ansprüchen die Anschuldigung der Ketzereiziehen; wie es in einer böhmischen Chronik zum Jahre 1349heißt: in cantu et in factis eorum frincipales fidei Katholicecontrarii inventi sunt viciosi Monum. hist. Boemiae hsg. vonDobner 4 (1779), 34. Daß sie als Laien Beichte hörten undAbsolution erteilten, daß sie sich das Predigtamt anmaßten,daß sie die kirchlichen Sakramente verachteten zugunstenihrer Geißelbuße, das ist der ständig wiederholte Vorwurf 1 )(vgl. S. 172). Natürlich ist das ausgesprochene Ketzerei; aber,so oft auch die Quellen die Bezeichnung secta gebrauchen

') Vgl. etwa Konrad von Megenberg: etleich ketzer, die sich in laien-weis an all weih an nement peiht ze hären und ze vergeben den läuten ir sünda. a. O. S. 217; Heinrich von Herford: predicationis etiam officium cumpenitentie flagellis infeliciter et pertinaciter indocli stolidique presumunt a. a. O.S. 281; sectam praefatam et erroribus quibusdam, dum se passim et mutuoab enormibus peccatis absolverent et illecebris carnalibus . . fore inquinatamJohannes Dlugossus Historiae Polonicae libri XII (Leipzig 1711) Sp. 1094;qui sese flagellabant in conspectu hominum et sibi mutuo videlicet laicus laicoconfitebantur peccata sua et poenitentias injungebant et praedicabant ad populumet niultos simplices decipiebant Benessius de Weitmil Script, rer. Bohem. 2( J 78 4 ), 347-