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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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26 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

mögen, es erweist noch nicht das Vorhandensein einer glaubens-mäßig geschlossenen Sekte mit festem, allgemeinverbindlichemketzerischen Lehrgebäude, wie Pfannenschmid es sich denkt.Daran kann es auch nichts ändern, wenn uns, bei den nieder-ländischen Geißlern zumal, der eine oder andere konkreteLehrsatz entgegentritt J ): all das sind nur Interpretationenihrer besonderen Bußform. Als später die Kryptoflagellantendauernde geheime Vereine schufen, lagen die Dinge wesentlichanders; aber bei den Geißlern von 1349 fehlten eigentlich schondie soziologischen Vorbedingungen für eine Sektenbildungdieser Art. Die Bewegung war in sich viel zu ungleichartig.Es sind Tausende rechtgläubiger Katholiken in sie hinein-gerissen worden, die gewiß nicht für die 33 T /a Tage ihrer Geißel-fahrt sektiererische Revolutionäre ganz bestimmter Farbe wa-ren, um nachher wieder rechtgläubige Katholiken zu werden.Die Dinge liegen vielmehr so, und damit kommen wir zu dementscheidenden Punkt, daß auch nach der Seite des Glaubens-mäßigen hin Unterschiede gemacht werden wollen. Es ist keineFrage, daß ketzerische Elemente aus schon bestehenden Sektensich den Geißlern angeschlossen haben: sie stellten eine Bewegungdar wie geschaffen, um die verschiedensten antikirchlichenStrömungen und Stimmungen an sich zu ziehen. Daher weisendie Quellen denn auch gelegentlich auf Zusammenhänge zwischenden Geißlern und gewissen Sekten hin. Aber das darf nichtzu der Meinung führen, als habe es ein bestimmtes Systemgeißlerischer Lehrmeinungen gegeben, das sich aus averroisti-schen, katharischen, gnostischen Ketzereien nährte (Pfannen-schmid S. 96 f. 165. 193), und gerade die Lieder sind mit-nichten Zeugnisse für dies System. Die Flüssigkeit, die ihremWesen nach der ganzen Bewegung und ihren Lebensäußerungeneignet, hat ihre Bedeutung auch für die Frage des 'Glaubens'der Geißler; der Grad der inneren wie der äußeren Entfernungvon der Kirche war verschieden.

Eher könnte man versucht sein, nach einer anderen Seitehin eine gemeinsame geistige Linie für die Geißler von 1349festzustellen. Hermann Haupt hat die Vermutung aus-

') dicebant, qiwd eorum sanguis sie per flagella tractus et effusus cum Christisanguine miscebatur Fortsetzung der Chronik des Guillaume de Nangis,Fredericq 2, 125; vgl. li Muisis S. 349.