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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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24 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

ihr volksliedhaft unbewußtes Wachstum, verkennen. Es istimmer derselbe Irrtum bei Pfannenschmid: eine feste, einheit-liche Organisation der Geißler, infolgedessen auch Festigkeitund Einheitlichkeit ihrer Lebensäußerungen.

An diesem Irrtum leidet schließlich auch PfannenschmidsAuffassung von den geistigen Hintergründen der Bewegungund ihren Zielen. Er glaubt, daß die Führer der Geißler den'Sturz der Hierarchie im Sturm herbeizuführen suchten', umder in Sünden versunkenen Welt eine bessere Gestaltung zugeben. Sie verbargen ihre Absichten aber unter dem Deck-mantel der hergebrachten kirchlichen Lehren und Formen(S. 97). Nur in Verhüllungen und Andeutungen haben sie ihreketzerischen Meinungen in ihre Lieder Eingang finden lassen.In eingehenden Untersuchungen geht Pfannenschmid diesem'Glauben der Geißler' nach (S. 188197). Gegen diese Unter-suchungen ist im ganzen wie im einzelnen manches einzuwenden.Zunächst ist es methodisch nicht angängig, die Lieder unter-schiedslos als geißlerische Erzeugnisse zu behandeln und siedogmatisch auszupressen. Es ist ja mit Händen zu greifen,daß zumindest einzelne Lieder und Liedteile von den Geißlernnicht geschaffen, sondern einfach adoptiert wurden; und imübrigen, es sind eben doch Volkslieder, die nach Volksliedartmit gegebenen Formeln arbeiten: wie kann man sie da Zugum Zug als geißlerische Glaubensäußerung nehmen!

So hält denn auch im einzelnen vieles von PfannenschmidsNachweisen nicht Stich. Aus dem Schlüsse des Liedes 'Mariamuoter reiniu meit' (s. u. Lied III) will Pfannenschmid schließen(S. 195 ff.), daß die Geißler nicht an das Fegefeuer glaubten ');

J ) Vermutlich leitet Pfannenschmid hier der Gedanke an die 1414 vonder Inquisition verurteilten Sangerhausener Geißler, die tatsächlich das Purga-torium leugneten (Alexander Reifferscheid. Neun Texte zur Geschichteder religiösen Aufklärung in Deutschland während des 14. und 15. Jahrhunderts,Festschrift der Universität Greifswald 1905, S. 35). Aber Rückschlüsse vonden späteren sektenhaften Verdichtungen auf die Geißlerbewegung von 1349sind keineswegs ohne weiteres zulässig. Und die Quaestio der Breslauer Hs.(s. o. S. 22) sagt ausdrücklich in dem Abschnitt über die Diclo, der Geißler:Asserebant etiam se animas de purgatorio liberars. namdicebant quod quicumqueillas flagellaciones 33 et dimidio diebus faceret, indubitanter suam et 7 animasde purgatorio liberaret. et quidam eorum amplius insanientes dicebant se animasa penis inferni absolvere; ymmo quod esset inde infernus per eorum opera usquead tres tantum animas scilicet lüde proditoris, Pylati et Herodis evacuatusBl. I 4 2 v .