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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 23

erörtert: Iidem etiam se acephalos x ) id est sine cafiite afpellabant,eo quod nullus homo autenticus huius secte dicatur inventor fuissevel autor.

Das ist also der Grundirrtum Pfannenschmids, der ihndas Wesen der deutschen Geißlerbewegung verkennen läßt,daß er an die Stelle ihrer Flüssigkeit eine Gebundenheit undGeschlossenheit setzt, die sie so niemals besaß, dieser Grund-irrtum führt ihn auch zu falschen Vorstellungen von den Lebens-äußerungen der Geißlergesellschaften. So arbeitet er mit einemGrundstatut der Geißler, das die gemeinsame Vor form der unserhaltenen Statuten darstellte; es hätte sozusagen das anti-hierarchische Programm der geißlerischen Oberleitung um-schlossen. Aber nicht nur allgemeine Gründe, sondern auchdie nachprüfbare Entwicklungsgeschichte der verschiedenenStatuten von 1349 spricht gegen eine solche Hypothese (Ge-naueres S. 33f.). Ebenso geht es schwerlich an, durch Addierungder auseinandergehenden Überlieferung Closeners und Hugosvon Reutlingen über den Hergang nach Beendigung der Geißel-prozedur eine Normalform des Rituells ermitteln zu wollen.Das ist eine ganz überflüssige Harmonistik, die sich wiederdie Tatsache nicht genügend klar macht, daß bei den Lebens-formen der Geißlerbewegung auch ihr Zeremoniell notwendigVeränderungen unterworfen war, wie groß sie sein konnten,sieht man, wenn man die niederdeutschen und niederländischenBerichte mit jenen oberdeutschen vergleicht. Vor allem istinfolge dieser falschen Grundauffassung Pfannenschmids Vor-stellung von den Geißlerliedern zu Schaden gekommen. Erdenkt an 'Vorsänger, die, je nach Zeit- und Ortsgelegenheit,oder aus anderen Gründen aus ihrem Textbuche, worin, wiewir unbedenklich annehmen dürfen, alle Lieder in guter An-ordnung verzeichnet waren, diese oder jene Verse oder Strophenin den ursprünglichen Text einschoben oder anfügten, anderesdagegen fortfallen ließen' (S. 176). Er schiebt also die Unter-schiede, die die uns überlieferten Geißlerlieder in Bestand undAnordnung aufweisen, dem bewußten Eingreifen einzelnerzu, die die ihnen vorliegenden Originaltexte bald so, bald soveränderten. Das heißt aber das Eigentliche dieser Texte,

') acephalas Hs. Über die eigentliche Meinung dieser Bezeichnung s.S. 28.