Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertunis. 21
hatten; aber es wäre gewiß ein Fehlgriff, wenn man mit Pf annen-schmid annehmen wollte, daß in solchen Angaben eine Führer-schicht sichtbar wird, die die ganze Geißlerbewegung in Händenhielt (S. 124 ff.)- In Wirklichkeit sind das nur Zeugnisse fürdie wechselnde soziale Zusammensetzung der Geißlerscharen.Daß die Geißlerbewegung im Laufe des Jahres 1349 eine Radi-kalisierung erfuhr, ist bekannt; natürlich hat sich damit aucheine Verschiebung der sozialen Zugehörigkeit ihrer Trägernach unten hin verbunden. Aber man darf sich dies Sinkenschwerlich als einen ganz gleichmäßig verlaufenen Vorgangdenken. Wenn man bei li Muisis S. 354 f. liest, daß ausdenselben Orten immer neue Geißlerscharen aufbrachen, istGrund zu der Vermutung, daß es auch in landschaftlicherBegrenzung eine innere und äußere Stufung der Bewegung gab.Und wenn wir hie und da von der Bildung dauernder Bruder-schaften in den Städten lesen, so vertreten sie gewiß eine andereSchicht als das fahrende Volk der absinkenden Bewegung.Von der Bruderschaft, die in Straßburg ins Leben trat, sagtClosener, daß etliche antwerkelute sie gründeten (S. 119).Damit wird schon der höchste ständische Kreis bezeichnetsein, der sich in breiteren Massen an den Geißlerzügen beteiligthat (vgl. die Angabe der österreichischen rythmischen ChronikS. 19). Sonach darf als sicher gelten, daß wir im allgemeinenmit den niederen Volksschichten als Trägern der Bewegungzu rechnen haben, das besagt: die Lieder der Geißler von 1349fanden den günstigsten Nährboden, den Volkslieder zu un-gestörtem Leben finden können.
Pfannenschmid spricht einmal von Literaten der Geißler,die einzelne Lieder zusammengefügt hätten (S. 168). Das heißtdie Dinge schief sehen; aber es ist freilich folgerecht im Sinneeiner Auffassung, die die ganze deutsche Geißlerbewegungdes Jahres 1349 a ^ s die Schöpfung eines bewußt arbeitendenkleinen Kreises von antikirchlichen Revolutionären nehmenmöchte. Pfannenschmid glaubt nämlich, das 'Vorhandenseineiner Oberleitung der gesamten Geißlerbewegung' feststellenzu können (S. 127), über die sich freilich Positives nicht aus-sagen ließe; absichtlich, meint er, habe man davon wie vonmanchem anderen geschwiegen. Er denkt sich diese Ober-leitung ins Leben getreten, als die Geißler Anfang 1349 au sOsterreich donauaufwärts zogen; indessen war sie nicht an