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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 17

hundert Baseler Bürger, um vom Papst die Genehmigung ihrer 'Bußübung zu erhalten (Nachweise bei Pfannenschmid S. 144).In Straßburg tat sich 1349 eme Bruderschaft auf, die, wieClosener S. 119 berichtet, unter Geißelungen die Totenehrungfür verstorbene Mitglieder beging; das ist wieder sehr bezeich-nend. Die Versuche drangen nicht durch, weil der Verdachtder Ketzerei entgegenstand. Und der Kryptoflagellantismus, derauf deutschem Boden das Erbe der sozial und moralisch mehrund mehr herunterkommenden Bewegung antrat, ist ja wirklichschwerer Ketzerei verfallen. Er erst hat auf seine Art die Formdauernder Geißlergenossenschaften verwirklicht.

Am wenigsten Zuverlässiges bieten die Quellen über dieArt und Weise, in der die Bewegung vorwärtsschritt und sichausbreitete. Die gemeingültige Vorstellung ist wohl die, daß essich bei den Geißlerfahrten um Züge handelt, die mit der Kraftder Ansteckung neues Volk an sich rissen, anderes erschöpftliegen ließen und sich so an-und abschwellend, formlos, weiteStrecken durchmessend durchs Land wälzten; und die Quellensind vielfach dazu angetan, eine solche Vorstellung zu nähren.Aber sie bedarf starker Einschränkungen. Denn sie verträgtsich schlecht mit der geregelten und organisierten Form derGeißlerbewegung, wie sie eben als die vorherrschende währenddes Jahres 1349 festgestellt wurde. Vor allem lag in der Zeit-dauer von 331/2 Tagen eine natürliche Begrenzung des Fahrt-bereiches einer und derselben Bruderschaft»). Tatsächlich fehltes nicht an Angaben, die erkennen lassen, daß die Bewegung,wenn vielleicht auch nicht ausschließlich, ganz in derselbenWeise vorangetragen wurde, wie es die ersten italienischenGeißler getan hatten (s. o. S. 10) und wie es nicht anders auchihre Nachfahren, die Bianchi, taten (s. Förstemann S. 124 f.).In der Geißlerpredigt bei Closener findet sich ein eindeutigesZeugnis: (es vollbrachten die Wallfahrt) die von Ysenach bitzzu den von Würtzeburg, die von Würtzeburg zu den von Halle(d. i. Schwäbisch Hall), die von Halle zu den von Eßelingen,die von Eßelingen zu den von Kalwe, von Kalwe gen Wile, vonWil gen Bulach, die von Bulach die vollebrohtent die wallefart

') Das gilt auch schon für die deutschen Geißler des Jahres 1261; aberauch da haben wir nur unbestimmte, weiträumige Angaben: ibant de pro-vincia in provinciam, de civitate in civitatem, de villa in villam, de ecclesia adecclesiam Contin. Sancruc. der Melker Annalen Mon. Germ. SS. 9, 645.

H ü b n c r , Geißlerlieder. 2