Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
15
Einzelbild herunterladen
 

Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 15

elementarer Ausbruch ekstatischer Religiosität, sondern einereligiöse Zeremonie, man darf fast sagen: ein mit einem Publikumrechnendes religiöses Schaustück, magna spectacula in populisadmirantibus facientes sagt ein Fortsetzer des Guillaume deNangis 1 ). Das braucht dem blutigen Ernst derer, die sichdieser Bußübung hingaben, natürlich nicht Abbruch zu tun,der gewaltige Eindruck, den die Geißler allenthalben hervor-riefen, und die Kraft der Ansteckung, die von ihnen ausging,spricht deutlich genug für die Ursprünglichkeit des religiösenImpulses. Immerhin ist mit dieser Formgebung der öffentlichenBußübung doch der Weg zu jenen rein symbolischen Formen be-schritten, die der Geißelakt in den späteren italienischen Disci-plinatenbruderschaften gewann.

Von besonderem Interesse ist die Entwicklung, die dieBewegung in den Niederlanden genommen hat. Nicht nur diehistorischen Nachrichten, auch das unmittelbare Zeugnis derStatuten der Geißler von Brügge und Doornik läßt erkennen,daß 'die Kirche in Verbindung mit der weltlichen Obrigkeitdie Geißlerfahrten zu überwachen und zu leiten suchte', dashat Pfannenschmid (S. 123) richtig gesehen; wenn man statt'Kirche' vielleicht auch besser sagt: einzelne kirchliche Organe.Liest man die Quellen für das Wesen und Treiben der nieder-ländischen Geißler, vor allem die Hauptquelle, die Chronik desAegidius li Muisis 2 ), so fühlt man sich vielfach an die ita-lienischen Geißler erinnert. Bedeutsam zumal, daß li Muisisals eine Wirkung ihres Auftretens anführt, quod poenitentiamfacientes et ad exemplum eorunt quamplurimi condonabant etindulgebant guerras motas inter partes, et hoc fuit in Tornaco etin diversis locis S. 352 3). Das war in Italien das erklärte Zielder ersten großen Geißelbewegung gewesen. Bei den ganzveränderten Voraussetzungen der Geißelbewegung von 1349 legtsein Wiederaufleben Zeugnis ab von der Nachhaltigkeit desEinflusses, der von dem italienischen Geißlertum ausging,man könnte fast zu der Vermutung kommen, daß er sich ausirgendwelchen Gründen auf niederländischem Boden mit ver-

') Paul Fredericq, Corpus documentorum inquisitionis haereticae pra-vitatis neerlandicae (Gent 188996) 2, 125.

l ) Corpus chronicorum Flandriae hsg. von De Smet 2, 346 fi.

3) Ähnliches auch sonst in niederländischen Quellen, vgl. FredericqCorpus 1, 194; 2, 131.

^1