14 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
Meineidiger reckte drei Finger in die Höhe, ein Ehebrecherlegte sich auf den Bauch, so zeigten sie durch Gebärden dieSünden an, für die sie büßen wollten. Alsdann schritt derMeister über den ersten und absolvierte ihn durch einen Spruchund eine Berührung mit der Geißel (s. u. S. 153f.). Der ersteerhob sich und schritt mit dem Meister zusammen über denzweiten. So ging es fort, bis alle aufgestanden und übereinandergeschritten waren. Dann erst begann die von Gesang begleiteteHandlung der Selbstgeißelung. Sie vollzog sich in drei pro-zessionsartigen Umgängen, die jeweilig durch einen gestenreichenBittruf beschlossen wurden: nachdem sich die Geißler in dieKnie gelassen, warfen sie sich in Kreuzgestalt zur Erde, umsich dann wieder auf die Knie zu erheben und mit erhobenenHänden um Bewahrung vor dem 'jähen Tod' zu bitten.) Dochlassen die Berichte, gerade was diesen Gebetsteil anlangt,Unterschiede der Übung erkennen. Von Bedeutung ist vor allemdie Aussage Heinrichs von Herford: Cum autein psallendovenerint ad partem cantionis, ubi de passione Cristi mentio fit(offenbar ist die Stelle R 37! gemeint), ubicumque tunc fuerint,sive terra munda, sive lutum, sive spine, sive tribuli, sive Urtica,sive lapides ibi sint, se subito totos ex alto proni prosternunt interram, non genibus successive vel aliquo alio fulcimento se de-mittentes, sed quasi ligna cadentes, se totos super ventrem fadem etbrachia proicientes, et sie in modum crucis iacentes, orant. Cor lapi-deum esset, quod talia sine lacrimis posset aspicere J ). Post signodato per unum eorum, surgunt, cantionem suam processionaliter sicutprius prosequentes (Liber de rebus memorabilioribus sive chroni-con hsg. von Aug. Potthast, Göttingen 1859, S. 281). Also einestrengere und möglicherweise ursprünglichere Übung. Auch imübrigen zeigen die Beschreibungen des Rituells Abweichungen 2 );aber überall wird deutlich, daß es sich um liturgisch ausgebil-dete Formen von sakramentaler Geltung handelt. So ist alsofür die Geißler des Jahres 1349 ihre Bußübung nicht mehr ein
J ) Das kommt den Worten merkwürdig nah, mit denen der Mönch vonPadua die Wirkungen beschreibt, die das Auftreten der italienischen Geißlerhervorrief (s. u. S. 62f.); es darf vielleicht ähnlich gedeutet werden, als Er-innerung an eine große Stelle der Liturgie, R 114 f.
J ) Neben Heinrich von Herford ist es vor allem die Chronik des Matthiasvon Neuenburg, die wichtige Sonderangaben macht, Mon. Genn. SS. novaser. 4, 1, S. 271.