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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 19

des Jahres 1349 hat dann die Bewegung, im ganzen nach Nord-westen und Westen weiter wuchernd, sich ganz Deutschlanderobert. Am Niederrhein, auf dem alten Sektiererboden, hatsie sich reich entfaltet, um schließlich von Holland aus auchauf die angrenzenden Gebiete Frankreichs überzugreifen; sogarbis nach England schlug eine Welle. Ende 1349 begann dieUnterdrückung durch geistliche und weltliche Behörden.

Stellen wir, um uns über den Nährboden des Geißlerliedeszu vergewissern, die Frage nach den Formen, in denen sich dieBewegung auf deutschem Boden vollzog, so ist zu sagen, daßdas regellos wilde, ekstatische Wesen, wie es nach dem Mönchvon Padua die ältesten italienischen Geißler zeigten, auf deut-schem Boden ziemlich unbekannt geblieben zu sein scheint;gewisse Auflösungserscheinungen der Bewegung stehen auf einembesonderen Blatt. Eine Notiz, wie sie etwa die Annales Mecho-vienses bieten 1 ), fällt unter den außeritalienischen Berichtenauf, wenn auch öfter von sich geißelnden Frauen die Rede ist.Als die herrschende Form haben wir uns offensichtlich die zudenken, die uns aus den beiden Hauptberichten, den ZeugnissenFritsche Closeners und Hugos von Reutlingen entgegentritt,die uns in sehr ausführlichen Schilderungen die Geißlerbewegungauf ihrer Höhe vorführen. Da handelt es sich um Laienbruder-schaften von fester Organisation, aber zeitlich beschränkterDauer. Für 33V2 Tage tat sich eine Anzahl von Büßern unterselbstgewählten Führern zu einer Geißelfahrt zusammen. Siehatten ihre Statuten; und diese Statuten stellten nicht nurgenaue Bedingungen für die Aufnahme in die Bruderschaft,sondern regelten auch das Leben während der Fahrt bis inskleinste. Selbstverständlich unterlag auch die Geißelübungeinem festen, ziemlich umständlichen Rituell. Es wird am aus-führlichsten bei Closener S. 105 ff. beschrieben. Soweit es sichmit dem Text der Liturgie verbindet, ist es unten S. 107 ff. ab-gedruckt. \ Die Bußhandlung begann mit einer theatralischenAbsolutionszeremonie: den Oberkörper nackt, den Unterkörperbis auf die Füße mit einem weißen Kittel oder Tuch umkleidet,legten sich die Geißler in einem weiten Kreis zur Erde; ein

z ) virgines eciam parwe et magne de villis sparsis crinibus in modum pro-cessionis tamquam vesane discurrebanl, verberanles se, et pemoctabant in silvisad quendam Gregorium, quem pro sancto colebant, set deluse a dyabolo plures exeis perierunt Mon. Germ. SS. 19, 670.