109zu bezahlen gekommen war, brachte jeder, was er von Rechts-wegen geben mußte. Auch ich gab ihm meine Schuldigkeitin die Hand und begehrte das Buch zurück, welches ich ihmzum Unterpfand zugestellt hatte. Weil er mich aber kannteund wußte daß ich ein Pflegbefohlener des Herrn Florentiuswar, fragte er mich: „Wer hat dir das Geld gegeben?“„Mein Herr Florentius," antwortete ich. Da sagte er:„Geh hin bring ihm das Geld wieder, aus Liebe zu ihmwill ich von Dir nichts haben.“ — Ich brachte also dasGeld meinem Herrn Florentius zurück und sagte: „AusLiebe zu Euch hat mir der Magister das Schulgeld zurück-gegeben.“ „Dank ihm,“ sagte er darauf, „in Zukunft werdeich ihn mit besseren Gaben lohnenNachdem nun Thomas einige Jahre bei seiner Wohl-thäterin gewohnt hatte, nahm ihn Florentius in sein Hausauf. Wie er hier mit seinen frommen Hausgenossen die Zeitaußer der Schule zubrachte, erzählt er selbst. „Mit einem sogottseligen Manne und seinen Genossen zusammenwohnend,sah und beobachtete ich täglich ihren frommen Wandel. Ichfreuete mich der guten Sitten und der lieblichen Worte, dieaus dem Munde der Demüthigen kamen. Denn ich weißmich nicht zu erinnern, je zuvor so gottselige, von der LiebeGottes und des Nächsten so entflammte Männer gesehen zuhaben, welche, obgleich sie unter den Weltmenschen lebten,nichts vom weltlichen Wesen an sich hatten und sich um ir-dische Händel gar nicht bekümmerten, sondern stille zu Hausebleibend, beschäftigten sie sich mit Bücherabschreiben und la-gen dem Lesen heiliger Bücher und frommen Betrachtungenob. Unter der Arbeit fanden sie in kurzen und stillen Ge-beten Trost und Stärkung. Morgens frühe, nach dem Mor-gengebet!) besuchten sie die Kirche und während des h. Meßopfers brachten sie Gott dem Herrn die Erstlinge ihrer Lip-pen und ihres Herzens dar. Auf dem Fußboden hingestreckt,das Geistesauge nach oben gekehrt, hoben sie ihre unbefleck-ten Hände gegen Himmel und fleheten mit Bitten und Seuf-zern durch das heilbringende Opfer bei Gott Gnade zu er-langen.?) Sie hatten ein Herz und eine Seele. Jeder1) dictis horis matutinis.2) vita jo. Gronde C. 4. §. 2. ed. Sommalii S 80.
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Nachrichten über Thomas a Kempis : nebst einem Anhange von meistens noch ungedruckten Urkunden
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