Allerdings, viele aus alter Zeit herübergekommene Ceremo-nien sind uns heute nichts weniger als Religion; und doch liegtihnen manch' schöner, erhabener Gedanke zu Grunde, den manwohl wesentlich religiös nennen darf. Aechte und wahre Religionfindet sich, wenn auch vielfach übertüncht von phantastischem Blind-werk, in allen Religionen vor, ebenso wie den Sittenlehren allerReligionen das unerreichte Ideal von Sittlichkeit vorschwebt. Abersollte das Moralgesetz von allen religiösen Institutionen der Ver-gangenheit allein dasjenige sein, was Geltung haben dürfte inder Gegenwart? Verdient nur die Moral den Titel: Religion,oder sind diese Worte ihrer wirklichen Bedeutung nach sogar voll-kommen congruent?Religion ist noch etwas Anderes als bloße Tugendvorschrif-ten oder Verhaltungsbefehle gegen die Mitmenschen. Die Reli-gion, wie alle Völker das Wort verstanden haben, beschäftigt sichnicht lediglich mit der Regelung unserer menschlichen Beziehungenzu einander, sondern auch mit der Erkenntniß des Verhältnisses,in welchem wir zum Universum, seinen Gesetzen und seiner Ur-sache stehn. Unter Religion hat man allezeit die Anerkennungeiner höheren Ordnung, eines Unsichtbaren, die fortschreitendeErforschung seiner in der Sichtbarkeit ausgeprägten Absicht,die stete Beziehung unserer Gedanken auf das Absolute, auf denUrgrund alles Denkens, unserer persönlichen Handlungen auf dieallgemeinen Zwecke verstanden. Dürfen Einzelne nun so will-kührlich das angenommene Conversationslexicon abändern unddem ganzen Volke den Zwang auferlegen, mit herkömmlichen Na-men ungebräuchliche Begriffe, für die man andere Bezeichnun-gen in der Sprache hat, zu verbinden? Welche babilonische Ver-wirrung würde daraus entstehn!Moral ist allerdings die Consequenz, eine praktische Anwen-dung der Religion im sozialen Leben; das lebendige Bewußtseindes Göttlichen und die klare Anschauung seiner Ziele muß dieMenschen nothwendiger Weise auf dem Wege der gläubigen Ver-nunft, d. h. der Frömmigkeit zur gegenseitigen Anerkennung, Ach-tung und Liebe führen, also moralisch machen. Aber es istauch denkbar, daß wir direkt von der innern Stimme, von ange-borenen und anerzogenen Gerechtigkeitsgefühlen geleitet, ebendahingelangen, unsere Beziehungen zu unsern Nächsten naturgemäß zuregeln. Dürfte ein solches, ohne Hinzuziehung übersinnlicher
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