BEDEUTUNG DER AUSSTELLUNG
335
heißen, begrüßen uns hier; darüber die schneebedeckten Gipfel und der wolkenlose blaue Himmel.Doch auch diesen Pflanzen tönt ein gebieterisches: „Halt, bis hierher und nicht weiter!" entgegen.Auch sie haben, wie andere Pflanzenformationen, eine natürliche Verbreitungsgrenze. Nachunten hin reicht ihr Gebiet biszur Grenze des Baumlebens, nachoben hin ist es das Grenzbanddes ewigen Schnees! Währendihre Verwandten da drunten in derEbene, besonders in den Tropen,im Überfluß des Reichtumsschwelgend in Pracht und Herr-lichkeit ein leichtes Leben führenund genießen, stehen sie, dieZwerge der Pflanzenwelt, alsäußerste Vorposten pflanzlichenLebens auf hoher Warte, ständigim erbittertsten Kampfe mit denElementen der Natur. Dürftigund einfach ist ihr Leben, reichan Elend, knapp die Kost. Kleinsind daher auch nur die Leiber,doch wetterfeste Gestalten, dieden stärksten Feinden mutigtrotzen. Kurz nur ist ihr jähr-licher Lenz, aber darum nichtminder schön, als der ihrer Ver-wandten im Tieflande.
Ein jeder, der nur etwas Sinnund Empfänglichkeit für die Schön-heiten der Natur hat, wird von dem berückenden Zauber der alpinen Gewächse so gebannt, daßer sie für immer in sein Herz einschließt. Es kann uns deshalb nicht Wunder nehmen, daß zu-mal bei der stets steigenden Frequenz nach den Hochgebirgen, besonders von Seiten der begütertenKreise, die Liebhaberei für den Anbau der Alpenpflanzen in den Ziergärten immer größer wird.Doch diese Liebhaberei ist nicht erst von heute. Schon im Anfange des vorigen Jahrhundertsbefaßte man sich damit, ohne indessen immer einen rechten Erfolg zu erzielen. Durch irrigeAnschauungen, falsche Pflege und Behandlung gingen die meisten Pflanzen alsbald zugrunde. DerUndankbarkeit wurden sie dann geziehen, Mangel an Willigkeit im Wachstum und Blühen ihnenvorgeworfen und noch manches andere. Besser wurde es in dieser Beziehung erst, als man dasLeben der Alpenpflanzen in der Natur eingehend beobachtete und fortan den Pflanzen, soweit esmöglich war, dieselben Existenzbedingungen bot, unter denen sie sich in ihrer Heimat so vor-trefflich entwickelten.* In England, wo die Pflanzenkultur und Gartenkunst auf einer hohen Stufeder Entwicklung steht, wo die Liebe zu den Blumen überhaupt allgemein sehr ausgeprägt ist, er-freuen sich die alpinen Gewächse schon seit langem einer ganz besonderen Verehrung. Überall inkleinen und großen Gärten treffen wir dort natürlich aufgebaute und gruppierte Felspartien an, besetztmit den wundervollsten Alpenpflanzen. Auch bei uns hat das Interesse an der Hochgebirgsflora inden letzten Jahren zugenommen.
Doch im allgemeinen werden die wunderbaren Pflanzengebilde noch viel zu wenig gewürdigt.A. Kerner, ein berühmter Botaniker, schrieb vor etwa drei Jahrzehnten über diesen Punkt folgendes:„Man baut mit unsäglichen Kosten Palmhäuser, um dem Publikum den Anblick eines Pflanzenlebenszu verschaffen, das sich unter dem Strahle der tropischen Sonne entwickelt; warum nicht auchAnlagen, auf welchen die Besucher die charakteristischen Gewächse des hohen Nordens und derhohen Alpen zu beschauen Gelegenheit haben? Mich will doch bedünken, daß der Anblick jenerletzten Ausklänge des pflanzlichen Lebens, der Anblick jener verzwergten, zollangen Gräser undWeiden, Gentianen und Primeln, die mit einer ans Unglaubliche grenzenden Zähigkeit in den eis-starrenden Regionen ihr Leben fristen und dort in wenigen Wochen ihren jährlichen Lebenszyklus
Der alpine Garten. Ansicht von Westen
* Vor einigen Jahren erschien in dem Verlage von Gustav Schmidt in Berlin ein hochinteressant geschriebenes Buch,betitelt: „Die Alpenpflanzen in der Gartenkultur der Tiefländer", von Erich Wocke, Garteninspektor in Oliva bei Danzig, worinder Verfasser seine reichen Erfahrungen und lebendigen Naturschilderungen veröffentlicht, insbesondere auch Anweisungenund Ratschläge für die Anlagen von Fels- und Alpenpartien gibt. Dies Buch sei jedem Interessenten auf das wärmste empfohlen.