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Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
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XCV
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Überlieferungsgeschichtliches und Technisches zu den Texten XCV

wiedergeben könnten. Es war gewiß ein großer Fortschritt in derErkenntnis der mittelhochdeutschen Sprachperiode, als K. Lachmann dieseit ihm in mittelhochdeutschen Textausgaben übliche Orthographieeinführte, und von A. Ziemanns Ausgabe der Kutrun konnte seinerzeitmit Recht gesagt werden, daß sie die erste sei, die das Gedicht in smittelhochdeutschem Gewände erscheinen lasse, aber heute liegendie Dinge anders. Hinter den symbolisierenden Buchstaben liegendie Laute. Wenn ich einen neuhochdeutschen, zu meinen Lebzeitengedruckten Text laut vorlese, so gebe ich den Buchstabensymbolenmeine Laute, weil ich aus dem Verkehr mit meinen Mitmenschen 10weiß, daß ihre Laute den meinigen im wesentlichen gleich sind undmithin auch mit den durch den Druck symbolisierten des Verfassers.Für die mittelhochdeutsche Sprachperiode ist die Lage anders. DieLaute des mittelhochdeutschen Verfassers sind mir weit weniger be-kannt, als die des mit mir lebenden neuhochdeutschen. Die Laute 15des mittelhochdeutschen Verfassers suche ich durch meine historisch-grammatische Erfahrung, die ich durch die Erkenntnisse der modernenPhonetik kontrolliere, zu rekonstruieren. Das geht, soweit der Vokalis-mus in Frage kommt, sehr leicht bei Schriftstellern aus hochaleman-nischem Sprachgebiet. Es wäre ein Unding, wollte man Rudolf von 20Ems mit neuhochdeutschen Diphthongen geschrieben herausgeben.Aber bei Schriftstellern aus schwäbischem und bayerisch-österreichi-schem Sprachgebiet ist eine genaue Rekonstruktion des Vokalismus un-möglich. Für den auf urgermanisch I zurückgehenden mittelbayerischenLaut kenne ich wissenschaftlich einigermaßen sicher den Ausgangspunkt 25und den entsprechenden neubayerischen Laut, den gegenwärtigenEndpunkt. Alle zwischen diesen beiden Punkten liegenden Stufenkenne ich phonetisch nicht genau. Wie der Wanderer in tagebreitemTal dahinziehend die felsige ferne Bergkette an seiner Seite mit denAugen verfolgt und mißt und seinen Weg nach ihr richtet, so verfolgen 30wir durch Jahrhunderte lange Zeiträume eine Lautreihe und richten unsdabei nach den während dieser Zeiträume gebrauchten Orthographien,indem wir sie auf Grund unserer Erkenntnisse deuten. Aber wie denWanderer sein Auge täuscht, wie er sich einem Berge gegenüberwähnt, der noch Stunden oder gar Tage von ihm nach vorwärts oder 35rückwärts von seiner Seite liegt, wie er eine Berggruppe für schroffe,unerreichbare Felsen hält, während sie in Wirklichkeit ein bequem