Zweites KapitelDie deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts
1. Der Servatius Heinrichs von Veldecke
rVe Untersuchungen, die im vorhergehenden angestellt worden sind,
haben ergeben, daß seit den Gesta episcopum Leodiensium des 5Herger von Lobbes die Servatiuslegende eine politische Legendegeworden war, daß sie die Interessen des deutschen Königtums ver-trat. Es waren das wichtige Symptome. Es begannen sich jene An-schauungen über Kirche und Staat auszubilden, die sich sechzig, sieb-zig Jahre später die ritterlichen Gesellschaftskreise zu eigen machten. 10Die Zeit Heinrichs IV. ist gerade für die kulturelle Entwicklung desniederländischen Adels und somit auch für die kulturelle Blüte desdeutschen Adels überhaupt äußerst wichtig geworden. Sie bildet einvermittelndes Glied zwischen dem Vorherrschen geistlicher Welt-anschauung im zehnten und elften Jahrhundert und deren Ablösung 15durch einen weltlich-ritterlichen Ideenkreis. Dadurch, daß zur ZeitHeinrichs IV. in den Niederlanden im wesentlichen Geistlichkeit undAdel auf seiten des Königs gegen den apostolischen Stuhl stand, be-kamen beide eine höhere politische Reife. Sie lernten aufeinanderRücksicht nehmen, um einander nicht zu verlieren. Das Herrenwort: 20Heddite igitur quae sunt Caesaris, Caesari, et quae sunt Dei, Deow ar wohl dazu angetan Bedenken und Meinungsverschiedenheiten beieinem solchen Block zu beschwichtigen und zu beruhigen. Es ließsich für die verschiedensten Lagen verschieden auslegen und Freundeund Gegner konnten sich gleichmäßig damit bei einem eventuellen 25Rückzug moralisch decken. Schon unter Heinrich IV. beginnt alsom den weltlichen Kreisen eine Opposition gegen die streng geistlicheGedankenwelt, die aber nicht Opposition genannt werden will, sondernim Gegenteil unter Beobachtung aller kirchlichen Gebote und Formen