Druckschrift 
Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
Entstehung
Seite
XCVI
Einzelbild herunterladen
 

XCVI Einleitung. Drittes Kapitel

zu ersteigendes Hochplateau bildet, so täuschen auch wir uns überden Sinn der Buchstaben durch ihre zeitliche Lage. Wenn in einerbayerischen Handschrift von 1250 noch i für ei geschrieben wird,irren wir, wenn wir meinen, damals sei noch i gesprochen. Diese

5 Zeit liegt viel weiter zurück. Wenn wir in einer bayerischen Urkundeum 1180 eu für in geschrieben finden, so täuschen wir uns, wennwir glauben, damals sei zuerst eu gesprochen worden. Auch dieseZeit liegt weiter zurück. Wir würden aber ebenfalls fehlen, wolltenwir den Buchstabenzeichen ei und eu nun die modernen Laute des

io Bayerischen unterschieben. Wir würden zu weit nach vorwärts blicken.Wir erkennen, wie der Wanderer das Gebirge, die geschichtliche Ent-wicklung eines Lautes in ihrem Verlauf, aber wir können die einzelnenPunkte dieser Kette in ihrer wirklichen Lage nicht genau erfassen, weilwir wie jener Wanderer fernab von ihr stehen. Will jemand mit wirk-

15 lichem Verständnis einen mittelhochdeutschen Text lesen, so muß er ge-wissermaßen wie in einer Partitur, so weit dies möglich ist, die Geschichteder Worte und ihrer Laute, während er liest, überblicken und es mußfür ihn einerlei sein, auf welchem orthographischen Standpunkt derText steht, vorausgesetzt, daß diese Orthographie einen Sprachzustand

20 charakterisiert, den die Sprache des Textes zu irgend einer Zeit bisauf heute durchgemacht hat. Daß man sich da einer älteren Ortho-graphie anschließen muß, ist selbstverständlich. Wenn aber ein schwä-bischer oder bayerischer Text in einer etwa ein Jahrhundert jüngerenadäquaten Orthographie nur einmal handschriftlich überliefert ist, so

25 ist es vollkommen verfehlt, nun diese in eine ältere umzuschreiben. Eswird dadurch nur eine gewisse Trägheit des Denkens befördert, dieunter Mittelhochdeutsch lediglich das orthographische System der jetztüblichen mittelhochdeutschen Textausgaben versteht.