Druckschrift 
Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
Entstehung
Seite
XCIII
Einzelbild herunterladen
 

Überlieferungsgeschichtliches und Technisches zu den Texten XCIII

Aber auch die Reime sind in keiner Weise zuverlässig. Wir hattendas schon bei der Besprechung des Umlautes von u gesehen. ImReim kommen die Formen mohte und mähte als Indikativ vor. Wergibt die Gewähr, daß der Dichter wirklich mähte sprach? Kanndieser Reim nicht erst Schreibermache sein, die eine Assonanz -ohte : 5ahte für die Augen tilgen wollte? ä und 8 standen schon sehr frühim Bayerischen sich qualitativ nahe (vgl. K. Weinhold, Bair. Gram.§ 6). Es ist menschlich wohl begreiflich, Kriterien, die Generationenlang als Hauptstütze unseres grammatikalischen Erkennens gegoltenhaben, für untrüglich zu halten. Aber wir leben in Vorurteilen. Es 10ist bei uns fast zum Dogma geworden, daß die mittelhochdeutschenDichter ein feineres Ohr gehabt haben sollen als wir. Bewiesen istdas nicht. Es ist ein Glaube, den man sorglich und kindlich hegt,um sich nicht einer schönen Illusion zu begeben. Wir müssen abersehr damit rechnen, daß es, wie in der neuenglischen Poesie und «teilweise in der neuhochdeutschen, auch in mittelhochdeutscher ZeitReime gab, die zunächst für das Auge bestimmt waren und nichtfürs Ohr. Aus den wenigen Stellen, in denen Formen von miigen,haben und tuon im Reim vorkommen, darf man noch lange nichtdie Berechtigung herleiten, diese hier belegten Formen in das Innere 20des Verses zu setzen: Der Reim ist literarischen Einflüssen weit mehrausgesetzt als das Innere der Reimzeile. Wie weit dies doch zu ge-schehen hat, ist eine Frage des Gefühls und kritischen Taktes, überdie verschieden gedacht werden kann und wird. Den Reim ent-zunte : chunte 2971 habe ich stehen lassen, denn er ist eine solche 25Bindung fürs Auge, ebenso hirten : Wirten 1310.

Unüberbrückbare Schwierigkeiten bereitet die e-Frage, wie weit ein den Ableitungs- und Flexionssilben ausgestoßen worden ist odernicht. Auch hier liegt eine Gefühlsfrage vor. Die Metrik bringtkeine Entscheidung in unserem Fall. Auch das von mir selbst an- sogewandte Kriterium der Versmelodie nicht. Es ist keineswegs so un-trüglich wie E. Sievers und F. Saran meinen. Die Konjektur in PBB. 35,204 f. hat gezeigt, daß die Versmelodie auch grammatische Fehler billigt.Es wird nicht beachtet, daß eben trotz sorgfältigsten Strebens nachObjektivität Autosuggestion eine Rolle spielt. Ich habe für die Vers- 35melodie auf Grund gemeinsamer Leseproben mit meinen Hörern,den Herren Schriftsteller L. Weber, Dr. W. Rübe, candd. phil. E. See-