XC Einleitung. Drittes Kapitel
so haben die Schreiber bald ai und au für die alten Diphthonge ein-geführt; erst später, Ende des dreizehnten Jahrhunderts, wird für aidann auch cei geschrieben. Ich habe das jüngere cei der Handschriftbeibehalten, weil es mir die im Fluß begriffene Entwickelung besser6 wiederzuspiegeln schien, als das schon in den ältesten Einträgen desIndersdorfer Necrologiums und dem bekannten Kodex Falkenstainensiserscheinende ai. Da für altes ü konsequent ou durchgeführt wurde,mußte, obwohl die Handschrift stets ou noch schreibt, au eingeführtwerden, um nicht den Schein zu erwecken, als seien altes ü und altes
10 ou meiner Meinung nach eine Zeitlang zusammengefallen.
Bei den diphthongischen Lauten war die Scheidung zwischenKürze und Länge von vornherein unnötig. Ich habe sie aber auchnicht bei den monophthongischen Lauten eingeführt. Die Daseins-berechtigung der Zirkumflexe in unsern kritischen mittelhochdeutschen
i» Texten wird immer damit begründet, daß sie in den besten Hand-schriften stünden. Genannt aber werden diese Handschriften nie, undes steht fest, daß sie in den meisten Kodizes nicht zu finden sind.Die germanische Lautlehre ist indessen so klar und einfach, daß jeder,der Grammatik kann, weiß, ob ein Laut kurz oder lang ist. Die paar
20 wenigen Fälle aber, bei denen man mit seinem Ansatz schwankenkann, sind der Mode unterworfen und eben unsicher.
Große Schwierigkeiten macht die Bezeichnung der Umlaute. Daich mit der Handschrift die Längen von den Kürzen nicht unter-scheide, hab ich für die in den Grammatiken verwandten ä und ce,
u das von der Handschrift dafür gebrauchte ae allein durchgeführt.Für ö und 02 der Grammatiker habe ich ö durchweg verwandt. Nurbei dem Umlaut von kurzem u läßt die handschriftliche Orthographie,wie bekannt, vollkommen im Stich, aber das Reimkriterium ebenso. Dennich kann nicht zugeben, daß wir, wenn ein Dichter Konjunktive auf
so -iinne z. B. regelmäßig auf sunne reimt, den sprachwissenschaftlichenSchluß ziehen dürfen,' der Dichter sprach im Konjunktiv -unne. Wergibt denn die Gewähr, daß das reine Reime sind? Woher wissen wirdas? Die sogenannten umlautslosen Konjunktive wie zuge, verlurwidersprechen dem Satz, daß die Lautgesetze ausnahmslos sind.
35 Aber nicht dieser Satz ist falsch, sondern unser Schluß, daß wiraus solchen Reimen sprachwissenschaftliche Erkenntnisse schöpfenkönnen. Mir fällt es nicht ein zu bestreiten, daß K. von Kraus in