Die deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts LXXVII
Ruhm eingebracht, den er durch seine Eneide erntete, aber er hatihm den Weg dazu geebnet. Nicht seine künstlerischen Anlagenwaren es, welche Veldecke dazu verhalfen, sondern seine gesellschaft-lichen und politischen Verbindungen, die sich vom Rhein bis zurDonau erstreckten und außerdem — nicht zu vergessen — die Wahl 5seiner Stoffe. Der Inhalt seines Servatius kam mächtigen Partei-gruppen seiner Zeit entgegen und seine Eneide allen Vornehmen,die nicht geistlich gebildet waren. Denn es war für die Eneide nichtetwa die Tatsache von Bedeutung, daß ein französischer Roman inder Volkssprache bearbeitet wurde, sondern daß der Stoff, den der im 10Mittelalter angesehenste römische Dichter behandelt hatte, der großen,mit Latein nicht vertrauten Masse der Gebildeten zugänglich gemachtwurde. Kenntnis Virgils war ein Haupterfordernis für einen Mann, derdamals wissenschaftlich auf der Höhe stehen wollte. Jetzt lernte manden Inhalt von Virgils bedeutendstem Werke kennen und man konnte 15wenigstens äußerlich in der wissenschaftlichen Bildung mit der Geist-lichkeit konkurrieren. Man konnte sich Stoffkenntnisse erwerben, diefrüher nur auf mühsamem gelehrten Wege zu erreichen waren. Auchdie Eneide ist wie der Servatius geschrieben, um zu popularisieren,und diesem popularisierenden Streben verdankt sie ihren Erfolg. 20Beide Dichtungen haben der deutschen Laienwelt den Weg geebnet,sich in der Nationalsprache schriftstellerisch zu betätigen. Der Ser-vatius war das erste publizistische Werk in deutscher Sprache, dieEneide die erste Behandlung des angesehensten klassisch-antikenSchulstoffes in deutschen Reimen. Beide waren ein Angriff auf die 25bevorzugte Stellung des Lateinischen in der mittelalterlichen Geistes-kultur. Bis dahin waren deutsche Bearbeitungen lateinischer Stoffeund Quellen doch immer von ihren Verfassern für etwas Minder-wertiges angesehen worden, das man eben den oberen Schichten derLaienwelt darbieten müsse, damit diese geistig nicht ganz verkümmere, soDa trat Veldecke auf und erklärte durch seine Tat die Volkssprachefür reif, mit der lateinischen als gleichwertiges Bildungsmittel in Kon-kurrenz zu treten. Er tat eigentlich bloß das, was der Verfasser des fran-zösischen Eneas getan hat. Aber während in Frankreich schon vordiesem eine konkurrenzfähige nationalsprachliche Literatur bestand, und 85mithin die Lage für die französische Volkssprache eine wesentlich gün-stigere war, wurde durch Veldecke die nationalsprachliche Literatur