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Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
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LXXVI
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LXXVI Einleitung. Zweites Kapitel

Sprache geschrieben worden ist. Der Verfasser ist hochgebildet undfindet deshalb keine Freude an Extremen. Das ritterliche Ideal dermaze ist in ihm fast in klassischer Weise ausgearbeitet. Es ist nichtjene konventionelle Mäßigung, wie sie der gesellschaftliche Verkehr

& damals mit sich gebracht hat und wie sie uns bei Veldecke entgegen-tritt, sondern es ist die durch Selbstzucht und Geisteskultur erworbeneIndividualität eines gereiften Mannes. Der oberdeutsche Dichter suchtAltes mit Neuem zu verbinden, indem er von beiden das Gute ver-wertet. Er hat dabei eine glückliche Hand. Auf diese Art hat er

10 die bei Veldecke sich breit machende Geschwätzigkeit vermieden. DieseRedeseligkeit ist bei Veldecke zwar durch die Reimtechnik bedingt,aber darin besteht eben das Verdienst des oberdeutschen Verfassersgegenüber dem Niederländer, daß er reimtechnisch ihm durchaus dieWage hält und trotzdem nirgends in seine Breite verfällt. Er ver-

15 fügt über einen viel größeren Reimvorrat als Veldecke in seinemServatius und operiert nicht so wie der niederländische Dichter mitNamen. Denn Veldecke brachte die Namen nur teilweise aus ge-schichtlichem Interesse an. In der Mehrzahl der Fälle führte er sieein, um passende Reimgelegenheit zu finden. In jedem der beiden

20 Bücher seines Servatius kommt z. B. der Name Servas 67mal imReim vor, d. h. im ersten Buch enthält fast jede 47., im zweiten fastjede 44. Reimzeile den Namen Servas. So etwas findet sich imoberdeutschen Servatius nicht. Trotz alledem hat der oberdeutscheDichter bei den Zeitgenossen und der Nachwelt die Anerkennung

25 nicht gefunden, die er als Künstler verdient hätte. Ein Beweis, daßes mit dem Sprichwort von der Gerechtigkeit der Geschichte, nachdem sich alles Gute in der Welt, wenn auch schwer, so doch durch-setzt, ein eitel Ding ist.

Der oberdeutsche Servatius ist ein Markstein in der mittelhoch-

3o deutschen Literatur. Er ist das erste Werk, bei dem sich mit Sicher-heit veldeckescher Einfluß auf oberdeutschem Boden nachweisen läßt,und ein sprechender Beleg dafür, wie niederländische Sitte und Kultur,die damals als die feinsten galten, auf persönlichem Wege nach Ober-deutschland drangen. Als Veldecke seine Eneide ausgab, war er in

35 Süddeutschland bereits ein bekannter Mann, bekannt durch seinepolitische Tätigkeit, bekannt als Schriftsteller und bekannt durch seinepersönlichen Beziehungen. Sein Servatius hätte ihm gewiß nie den