LXXVIII Einleitung. Zweites Kapitel
eigentlich erst eröffnet und durch die Wahl des Stoffes eben glück-lich pointiert. Denn nicht bloß in der Reimreform bestand VeldeckesVerdienst, wie Rudolf von Ems in seinem Alexander meinte, sondernweit mehr in den ideellen Werten, die hinter seinen Dichtungen standen.5 So einseitig wie Rudolf beurteilte ihn der Freigeist von Straßburgnicht. Er meinte vielmehr:
er impete daz erste risin tiutescher zungen:da von sit este ersprungen,10 von den die bluomen kamen,
da sie die spähe uz namender meisterlichen fände.
Mag in dieser Stelle vielleicht auch Konkurrenzneid gegen Eilhart(s. oben S. XLIX 34) mit geredet haben, sie sagt doch mehr und anders,
i5 als daß Veldecke lediglich ein Versreformator gewesen sei. Gotfridund seine Zeit erblickten vielmehr in Veldecke den ersten deutschenSchriftsteller, der ein deutscher Schriftsteller sein wollte und nichtglaubte, indem er deutsch schrieb, Literatur zweiter Garnitur zu ver-fassen. Dieser ideelle kulturpolitische Gehalt von Veldeckes Dich-
20 tungen hat über seine künstlerischen Schwächen hinwegsehen lassenund er hat auch den oberdeutschen Servatiusverfasser um seinenkünstlerischen Ruhm gebracht.
Beide Dichtungen stehen im Getriebe der Tagespolitik, aber derGeist mutigen Vorwärtsdrängens und aufklärerisch-rationalistischen
25 Denkens, der von jeher den Niederländern eigen ist, hat über dietiefere und persönlich wertvollere Bildung des Oberdeutschen ge-siegt. Die Ansichten des oberdeutschen Verfassers mögen augenblick-lich in gewissen Kreisen den Sieg über die im Veldeckeschen Ser-vatius zum Ausdruck gebrachten davongetragen haben, aber auf die
so Dauer hatten sie keine Aussicht, bei der Masse Erfolg zu finden, dennsie versteht tiefangelegte Individualitäten nicht.
Es ist eine eigentümliche Fügung des Schicksals, daß die Tochterder Frau, die Heinrich von Veldecke zu seinem Servatius anregte,aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Abfassung des oberdeutschen,
36 gegnerischen Gedichtes einen maßgebenden Einfluß gehabt hat. DieÜberlieferung ist leider zu lückenhaft, um noch tiefer in die Vorgänge,die sich damals abgespielt haben, hineinblicken zu lassen. Aber dar-über kann ein Zweifel nicht bestehen, daß die Gemahlin des ersten