Die deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts LXXV
herangezogen werden. Der Reim chlcegelichen : siechen 1686 ist eineAssonanz, und es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen,ob -hchen oder -liehen anzusetzen ist: es ließe sich nicht einmal aus-machen. Die späteren Indersdorfer Handschriften, welche durchwegdie neuen Diphthonge kennen, schreiben, so viel ich gesehen habe, 5immer -lieh, -liehen.
Die Konsonanten liefern erst recht keine Handhabe, um zwischenSchwaben und Bayern zu entscheiden. Die Bindungen zwischenauslautendem -m : -n sind als Assonanzen zu betrachten. Der ReimIceigen : zeeigen : Mceigen 938, 1712, 2198 könnte Aufschluß geben, 10wenn wir solche Eigenheiten örtlich genauer fixieren könnten, wiees die moderne Mundartenforschung kann (vgl. z. B. H. Fischer, Atlaszur Geographie der Schwäbischen Mundart, Tübingen 1895, KarteNr. 16).
Auch der Wortschatz liefert wenig Anhaltspunkte. Was darüber »zu sagen ist, habe ich in PBB. 35, 381 f. zusammengestellt und eskann darauf verwiesen werden. Nur wäre vielleicht noch anzumerken,daß die Komposita mit ite - nach Ausweis der Wörterbücher vor-wiegend auf bayerisch-Österreichischem Sprachgebiet auftreten.
So hat die rein sprachliche Untersuchung zu einem befriedigenden 20Ergebnis nicht geführt, und wir müssen, so lange unsere geschicht-lichen und kalendergeographischen Untersuchungen nicht samt undsonders gründlich widerlegt und entkräftet werden, die Diözese Frei-sing als Entstehungsgebiet des oberdeutschen Servatius ansehen unddas Kloster Indersdorf als den Ort, an dem das Gedicht verfaßt wurde. 25
Aber dieses Kapitel darf nicht geschlossen werden, bevor nichtbeide Servatiusgedichte, das des Niederländers und das des Ober-deutschen, kurz gegeneinander nach ihrem künstlerischen Wert undihrer literarischen Bedeutung hin abgewogen sind. Das Urteil fälltnicht schwer. Veldecke ist literarisch bedeutender, der oberdeutsche 30Dichter der größere und feinere Künstler. Des Oberdeutschen Stilist gedrungen und klar. Er hat an der älteren bayerischen Literatur,am Rolandslied, an der Kaiserchronik, an Heinrich von Melk undanderen gelernt. Nirgends wird er breit und langweilig. Den über-lieferten epischen Stil handhabt er mit chronistischer Kürze, ohne sstrocken zu werden. Überall ist er lebendig und anschaulich. MancheEpisode, die er erzählt, gehört zum Besten, was bis dahin in deutscher