Die deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts LXXIII
sein. Dieses Argument hat also, auch wenn meine Konjektur un-richtig wäre, als nicht beweiskräftig auszuscheiden. Es geht darausaber hervor, wie rein mechanisch die Reimuntersuchung gehandhabtwird. Man fährt mit dem Finger an den Reimzeilenenden herunter,und wenn man eine Form des Wortes hat, welches man untersucht, so 5ist ein weiteres Glied in der Statistik geliefert. Beim Gebrauch einesReimlexikons wird zwar anders, aber nicht geistvoller und sicherergearbeitet.*
Besonders ist die strenge (?) Scheidung zwischen mhd. ei < germ.ai und mhd. ei < egi für die schwäbische Herkunft des Verfassers 10ins Feld geführt worden (s. ZfdA. 44, 364). Aber 1594 reimt gebceine :engeeine. Man könnte allerdings dieses engeeine < *engagani her-leiten. Doch dagegen spricht die Assonanz engegene: gedigene 1442(s. auch VV. 2103, 3472). Die strenge Scheidung von ei < ai undei < egi braucht indessen gar keine mundartlichen Gründe zu haben, 15sondern kann unter Einfluß Veldeckes stehen. Denn bekanntlich ver-wendet Veldecke die kontrahierten Formen von seggen, leggen undtragen nicht (Braune ZfdPh. 4, 260 f.). Wollte der Dichter die vonVeldecke nicht gebrauchten Formen doch anwenden, so war es ambesten, sie bloß untereinander zu reimen. 20
Die Bindungen u : uo sind Schwäbisch und Bayerisch.
Die Labialisierung von a, a, g zu o, ö durch vorhergehendes kon-sonantisches u (s. Anm. zu V. 60, 1361, 1387, 1920), ist zum minde-sten auch ostschwäbisch. Gleiches dürfte von dem Wandel vi > ägelten. Gerade bei den Formen des Verbums „kommen" haben 25schon in so früher Zeit Ausgleichungen stattgefunden, daß man miteiner Lokalisierung auf Formen wie kam hin vorsichtig sein muß.
Für Bayern würden die Bindungen von e' : e vor g sprechen(V. 1488, 2104, 2358, 3472), aber ob man bei unserem der asso-nierenden Literaturperiode noch sehr nahestehenden Gedicht davon soGebrauch machen darf, scheint mir sehr zweifelhaft.
Gleiches gilt von den qualitativ gleichen aber quantitativ ver-schiedenen Bindungen a : ä, ce : ce, o : o.
Schwieriger sind die Bindungen zwischen altem Diphthongen und
* Ich könnte noch eine Reihe ähnlicher Beispiele für die geistlose und ober- 35flächliche Art, wie diese Untersuchungen gehandhabt werden, anführen, aber es hatkeinen Zweck.