Druckschrift 
Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
Entstehung
Seite
LXXII
Einzelbild herunterladen
 

LXXII Einleitung. Zweites Kapitel

Bayerisch genau trennen zu können glaubt. Dazu sind unsere kri-tischen Waffen lange nicht fein und scharf genug, und wir müssendas ruhig eingestehen. Diese Waffen versagen aber erst recht beieinem Gedicht wie dem oberdeutschen Servatius, welches, auf der

5 Grenzscheide zwischen rein reimender und assonierender Technikstehend, nachweisbar von Veldecke reimtechnisch beeinflußt ist (s.V. 1361), und von dessen uns überlieferten Bindungen wir durchausnicht immer genau wissen, ob sie nicht vielleicht einem Schreiberihr Dasein verdanken, ob nicht hinter ihnen eine Assonanz steckt,

10 die in der Orthographie getilgt ist. Über diese Dinge soll imIII. Kapitel der Einleitung gehandelt werden. Hier wollen wir bloßauf die sprachlichen Kriterien eingehen, die bis jetzt angeführt wordensind oder aufgeführt werden könnten, um das Gedicht örtlich zufixieren.

i5 Scherer, der unser Gedicht für bayerisch hielt, stützte sich aufdas darin vorkommende Wort dult, aber wie 240, 35 gezeigt wurde,trägt dieses Wort zur Entscheidung der Heimatsfrage nichts bei.

Alles was sonst angeführt worden ist, sollte die schwäbische Her-kunft des Gedichtes erweisen. Die vollen Endungsvokale in den

20 Verben auf -ort und in den Superlativen auf -ost beweisen für die Zeit,in der das Gedicht entstand, nichts. Auch die Kaiserchronik, dieetwa dreißig Jahre älter ist, verwendet diese Formen. Wenn sie derVerfasser vielleicht auch in der Umgangssprache nicht mehr anwandte,so behielt er sie als literarische Formen gern bei, weil sie die Reim-

25 fähigkeit erleichterten.

Der Reim getan : ergan 892 sagt gleichfalls nichts, auch dieKaiserchronik verwendet neben gen und sten die a-Formen.

Für Schwaben würde nach Zwierzina die Form mähte 1353 =fecit sprechen (s. ZfdA. 45,23 Anm. 2). Aber wir haben hier wahr-

30 scheinlich, wie es auch in meinem Text geschehen ist, mcehte, denKonjunktiv von mügen herzustellen und dieses Beweisstück kämeauf diese Weise in Wegfall. Doch nehmen wir einmal an, meineKonjektur wäre falsch, es müsse mähte heißen, dann ist tatsächlichgar nicht nachweisbar, ob in der Form h oder ch steckt. Unser

«5 Dichter bindet V. 2118 sicher h mit ch: douhten : bestrouchten (zustrühhön). Wenn er eine Form strouchten < stroudioten brauchte,dann kann ebenso das in Frage stehende mähte < machote entstanden